- © M. Hirsch
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Die wirtschaftlichen Probleme bekommen viele Menschen dabei auch ganz unmittelbar zu spüren. Denn neben einer auf fast 20 Prozent gestiegenen Inflationsrate hat auch die Landeswährung massiv an Wert verloren. Mussten die Türken für einen Euro vor zwei Jahren noch knapp vier Lira zahlen, so waren es in den vergangenen Monaten zwischenzeitlich mehr als sieben Lira. "Für manche Menschen hier geht es wirklich ans Eingemachte. Da macht es oft schon einen Unterschied, ob die Kartoffeln fünf oder sieben Lira kosten oder wie derzeit nur zwei", sagt Hans-Georg Fleck, Leiter der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Istanbul, gegenüber der "Wiener Zeitung". Die für diese Menschen zentrale Frage, wie es mit der Inflation, der Arbeitslosigkeit und dem Währungsverfall weitergeht, habe die Regierung aber nicht beantwortet. Stattdessen hätten Erdogan und die AKP als Ablenkungsmanöver die Gefährdung der nationalen Einheit heraufbeschworen. "Die Bürger haben hier offensichtlich nicht den Eindruck gehabt, dass das Leute sind, die die wirtschaftspolitischen Faktoren verstehen", sagt Fleck. "Und das war ganz sicher ein entscheidender Faktor für dieses Wahlergebnis."

Die Ränder bröckeln

Für Erdogan dürfte das Resultat, auch wenn es an den großen Linien der türkischen Politik kaum etwas ändern wird, aber zumindest eine Warnung sein. Denn mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben vor allem die Ränder der AKP-Basis zu bröckeln begonnen, also jene Wähler, die angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse extrem wichtig sind, die die Partei aber weniger aus ideologischer Überzeugung gewählt haben als aus wirtschaftlichen Überlegungen. "A la longue kann man davon ausgehen, dass der Kurs, den die AKP bisher gefahren ist und der auch lange Zeit erfolgreich war, kein Erfolgsrezept auf Dauer sein muss", sagt auch Fleck. "Und wenn viele Wähler abwandern, kann sich die Waage irgendwann auch einmal auf der anderen Seite senken."