Rio de Janeiro. Mit breiter Unterstützung der Bevölkerung war Jair Bolsonaro am 1. Jänner als Präsident Brasiliens angetreten. Doch der anfängliche Elan ist verflogen. Die Umfragewerte fallen. In den ersten 100 Tagen konnte die Regierung noch nichts Konkretes auf den Weg bringen. Stattdessen verliert sie sich in Skandalen und Machtkämpfen.

Die größte mediale Aufmerksamkeit erhielt der ultrarechte, streng katholische Politiker Bolsonaro bisher, als er ein Video postete. Zu sehen ist ein Mann, der einem anderen über die Haare uriniert. "Golden Shower" nennt sich so etwas. Mit dem Video, mutmaßlich aufgenommen im Karneval von Sao Paulo, wollte Bolsonaro illustrieren, wie verlottert dieser Karneval aus seiner Sicht ist. Die Welt wunderte sich über diesen unpräsidentialen Post. Doch ein Ziel erreichte er damit. Niemand sprach mehr über lästige Details der Pensionsreform.

Viel Getwitter, wenig Konkretes, keine Lösungen - so könnte man die ersten gut drei Monate Bolsonaros im Präsidentenpalast zusammenfassen. Das mag zum einen an der Unerfahrenheit liegen, die die Regierung mitbringt. Kaum ein Ministerposten wurde mit erfahrenem Personal besetzt. Stattdessen reichlich Militär und Quereinsteiger. Zudem ist Bolsonaro längst nicht der starke Macher, der er im Wahlkampf vorgab zu sein. Man habe festgestellt, so ein ranghoher Diplomat, der nicht genannt werden möchte, dass Bolsonaro in keiner Weise über die Voraussetzungen verfüge, die es bräuchte, dieses Amt auszufüllen.

Der erste Skandal ließ nicht lange auf sich warten, die erste Ministerentlassung auch nicht. Im Februar erwischte es Gustavo Bebiano. Der Rechtsanwalt und Vorsitzende der Regierungspartei PSL soll mit Strohleuten Wahlkampfmittel ergaunert haben. Auch der Tourismusminister flog.

Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete Präsidentensohn Carlos, familienintern "Nr. 2" genannt, bezichtigte Bebiano der Lüge und forderte die Entlassung des Ministers, die auch prompt folgte. Eigentlich hat Carlos Bolsonaro keinerlei Befugnisse dieser Art. Er ist gewählter Stadtrat in Rio de Janeiro, fungiert aber als Social-Media-Sprachrohr des Vaters. Die Rolle von Bolsonaros Söhnen - Carlos, Flavio, Eduardo und Jair - hatte wohl niemand so richtig auf dem Schirm.

Einflussreicher Clan

Doch sie bilden so etwas wie ein Familienschutzschild um den Ex-Fallschirmjäger und damit eine Regierung innerhalb der Regierung, deren Aufgaben sie teilweise übernehmen. Als Bolsonaro Anfang März zu Trump nach Washington reiste, war neben dem Außenminister in der Delegation auch Sohn Eduardo dabei, dessen persönlicher US-Beauftragter und Vorsitzende des Ausschusses für Außenbeziehungen. Die Beziehung zu den USA ist den Bolonaros extrem wichtig.