Jerusalem. Noch am Tag der Wahl in Israel kämpft der rechtskonservative Amtsinhaber Benjamin Netanyahu unerbittlich um jede Stimme: Bei strahlendem Sonnenschein geht der 69-jährige Ministerpräsident an den Mittelmeerstrand, um Badegäste davon zu überzeugen, in die Wahllokale zu eilen.

"Wer lieber am Strand bleibt, statt zu wählen", werde am nächsten Tag mit einer linken Regierung aufwachen. Immer wieder warnt er vor einer Niederlage seiner Likud-Partei und einem Sieg seines stärksten Rivalen, des Ex-Militärchefs Benny Gantz.

Auch der 59-jährige Gantz ruft seine Anhänger inständig dazu auf, abstimmen zu gehen. Der Sieg sei zum Greifen nah. "Wer nicht wählen geht, lässt Netanyahu an der Regierung", warnt er.

Beide erklären sich zum Sieger

Am Abend ist dann nach ersten Prognosen kein klarer Sieger in Sicht. Netanyahus Likud kommt laut TV-Prognosen auf 33 bis 36 Mandate und Gantz' Mitte-Bündnis Blau-Weiß auf 36 bis 37 Mandate. Zwei TV-Sender sehen allerdings das rechte Lager insgesamt deutlich vorn, ein dritter Sender kommt auf einen Gleichstand.

Dennoch erklären sich die beiden Rivalen nur Minuten nach der Veröffentlichung der Prognosen zum Sieger der Wahl. "Der rechte Block unter Führung des Likud hat eindeutig gesiegt. Ich danke den israelischen Bürgern für ihr Vertrauen. Ich werde noch heute Nacht damit beginnen, gemeinsam mit meinen natürlichen Partnern eine rechte Regierung aufzubauen", sagte Netanyahu. Benny Gantz und sein Mitstreiter Yair Lapid kontern sofort: "Wir haben gesiegt! Die israelische Öffentlichkeit hat gesprochen. (...) Die Wahl hat einen klaren Sieger und einen klaren Verlierer."

Bis zuletzt hatte sich ein sehr knapper Wahlausgang abgezeichnet, ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanyahus Likud und Gantz' Bündnis der Mitte, Blau-Weiß. So ließ sich Yedioth Ahronoth, die auflagenstärkste kostenpflichtige Zeitung des Landes, angesichts des ungewissen Ausgangs am Tag der Wahl auch alle Optionen offen: Auf ihrer Titelseite zeigte sie wie bei einem Kartenspiel spiegelverkehrt Porträts der beiden Rivalen. Neben beiden stand jeweils: "Der nächste Ministerpräsident."

Prognosen in Israel häufig daneben

Prognosen lagen in Israel schon häufiger daneben. Bis zur Auszählung aller Stimmen kann es gerade bei knappen Wahlausgängen immer noch Überraschungen geben. Wie etwa 1996, als der inzwischen verstorbene Staatspräsident Shimon Peres als Kandidat der sozialdemokratischen Arbeitspartei gegen Netanyahu angetreten war. Damals war Israel "mit Peres schlafen gegangen und mit Netanyahu aufgewacht". Bei der letzten Wahl im Jahre 2015 zeigten die Prognosen zunächst einen Gleichstand zwischen dem oppositionellen Mitte-Links-Bündnis und Netanyahus Likud. Am Morgen lag der Likud dann jedoch nach Auszählung der Stimmen klar in Führung.

In diesem Wahlkampf hatte vor allem US-Präsident Donald Trump seinem Verbündeten Netanyahu stark unter die Arme gegriffen. Als "Traumgeschenk" nur zwei Wochen vor der Abstimmung erkannte er in einer außenpolitischen Kehrtwende Israels Souveränität auf den Golanhöhen an. Schon mit der umstrittenen Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem vor einem Jahr und dem Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran war er Netanyahus Wünschen gefolgt. Am Tag vor der Wahl stufte Trumps Regierung dann noch die iranischen Revolutionsgarden - die Eliteeinheit der Streitkräfte von Israels Erzfeind - als ausländische Terrororganisation ein.

Netanyahu nutzte jede Gelegenheit, sich als erfahrener Staatsmann zu präsentieren, stets darum bemüht, Israel international zu stärken.

Wie schon im Jahre 2015 war Netanyahu in den letzten Tagen des Wahlkampfs noch einmal merklich nach rechts gerückt, um in diesem Lager Stimmen zu sammeln. In einer Blitzkampagne kündigte er für den Fall seines Wahlsiegs die Annektierung von Siedlungsgebieten im Westjordanland an. Außerdem beteuerte der 69-Jährige, es werde unter seiner Führung keinen unabhängigen Palästinenserstaat geben - nur eine palästinensische Selbstverwaltung.

Gegenentwurf zu Netanyahu

Doch für einen klaren Vorsprung hat all dies offenbar nicht gereicht. Netanyahu versuchte vergeblich, seinen Herausforderer Gantz als unerfahrenen Frischling darzustellen. Dennoch konnte der 59-jährige Ex-Militärchef mit seiner langen Armee-Karriere Netanyahu den Rang als "Mr. Sicherheit" streitig machen. Auch die anhaltenden Korruptionsvorwürfe hingen wie eine dunkle Wolke über Netanyahu und haben seiner Likud-Partei bei der Wahl geschadet.

Gantz präsentierte sich im Wahlkampf als Gegenentwurf zu Netanyahu: Als jemand, der die Gesellschaft in Israel wieder einen will, statt sie zu spalten wie der Likud-Vorsitzende. Als Familienmensch mit weißer Weste. "Er kommt als der Retter des Landes, er will unsere liberale Demokratie retten", sagt Politikwissenschaftlerin Gail Talshir von der Hebräischen Universität.

Wie es nun weitergeht, ist erst einmal unklar. In den Wochen nach der Wahl wird mit der Veröffentlichung von Trumps lange angekündigtem "Jahrhundert-Deal" zur Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern gerechnet. Sollte dieser Israel größere Zugeständnisse abfordern, ist starker Widerstand der ultrarechten Parteien zu erwarten. Auch der knappe Wahlausgang könnte Netanyahus Likud und Gantz' Mitte-Bündnis am Ende in eine Große Koalition zwingen. (Sara Lemel, dpa, apa)