Auch die Zahlen der International Organization for Migration (IOM) zeugen von der großen Unsicherheit im Land. So kehrten 2018 zwar 1,3 Millionen syrische Binnenflüchtlinge in ihre Heimat zurück, 1,4 Millionen wurden aber im selben Zeitraum vertrieben. Finden in gewissen Gebieten zwar keine kriegerischen Kampfhandlungen mehr statt, so findet Assads Plan, eine homogene Gesellschaft zu schaffen, Ausdruck in der Verwüstung von Dörfern, der Enteignung und Vertreibung.

Von einer echten Rückkehrbewegung kann also noch lange nicht gesprochen werden. Die vergleichsweise wenigen Rückkehrer aus dem Libanon und der Türkei treten den Heimweg außerdem nur unter hohem Druck an, weil die Situation in den Lagern miserabel ist oder weil sie ihre Angehörigen nicht nachholen können.

Neben den Repressionen gibt es auch kaum funktionierende Infrastruktur. Krankenhäuser, Schulen und Arbeitsplätze sind zerstört. Die Kosten für den Wiederaufbau in Syrien belaufen sich auf 400 Milliarden US-Dollar. Der syrische Ökonom Rabie Nasr vom Syrian Center for Policy Research aus Beirut sieht Syrien aktuell am Tiefpunkt: "90 Prozent der Menschen im Land leben in Armut. Es gibt in weiten Teilen keine Nahrungssicherheit und keine Bildung für Kinder und Jugendliche", so Nasr. Anstatt den Konflikt zu lösen, schürt die Politik des Regimes diesen weiter. Missstände und Ungerechtigkeiten verschärfen sich.

"Die Regierung forcierte zwischen 2000 und 2011 eine neoliberale Politik und schuf eine neue Elite, die sich um soziale Solidarität oder Nachhaltigkeit nicht schert. Sie will das Monopol, die großen neuen Sektoren in der Wirtschaft beherrschen", sagt der Ökonom. Die Wirtschaftspolitik sei eng verknüpft mit der Unterdrückung und der Identitätspolitik, die den Zusammenhalt der Gesellschaft bis heute völlig zerstörten, so Nasr.

Der Wissenschafter sieht Syrien vor einem Erstarken des Konflikts. Zum einen gebe es mehr Fronten, mit internationalen Akteuren und Interessen. Zum anderen habe die Unterdrückungspolitik des Regimes nicht nachgelassen. Außerdem sieht Nasr den Zugang der EU zum Konflikt kritisch. Es gebe keine kohärente Politik. Machthaber und Länder würden unterschiedlich behandelt, die Region nicht als Ganzes gesehen. "Wenn die Europäer glauben, die Flüchtlingskrise ist vorbei, dann liegen sie falsch", warnt Nasr. Es gebe keine Gerechtigkeit, kein Vertrauen, keine Entschädigungen, kein Schritt in Richtung Demokratie.

Dass die EU die Hilfe zum Wiederaufbau als Hebel im Land nutzen könnte, sieht Nasr wirkungslos. "Wenn die EU denkt, dass sie eine wichtige Geldquelle für Syrien ist und darüber Druck ausüben kann, liegt sie falsch. Die Golfstaaten haben viel Geld und auch China steht in den Startlöchern."

"Keine Kompromisse"

In diesen Ländern gebe es wenig moralische Vorbehalte, und umso weniger Bedingungen für Wirtschaftsdeals. Einen mächtigen Hebel der EU sieht der Ökonom darin, dem Regime die politische Legitimation zu versagen, "hier dürfen keine Kompromisse gemacht werden". Es brauche eine Transformation, sagt Nasr. Die Institutionen, die verantwortlich sind für Verletzungen, Tötungen und Unterdrückung können das Land nicht aufbauen. Können kein Vertrauen gewinnen.

Auch für Alkhatib ist klar, dass vor der Rückkehr und dem Aufbau Gerechtigkeit geschaffen werden muss. "Kriegsverbrecher aller Seiten müssen zur Verantwortung gezogen werden. Erst dann können Syrer zurückkehren, und erst dann kann das Land aufgebaut werden."

Die Länder, die in Syrien vertreten sind, müssten sich zurückziehen. In Gebieten unter Regimekontrolle gebe es nach wie vor bewaffnete Auseinandersetzungen, etwa zwischen Russland und dem Iran, wegen ihrer jeweiligen Interessen, sie profitieren vom Krieg. "Solange es Kampfhandlungen gibt, kann man nicht an Rückkehr denken", so Alkhatib.