Benghazi. Trotz internationaler Friedensappelle zeichnet sich im Kampf um Tripolis keine Entspannung ab. Der Vorsitzende des ostlibyschen Parlaments, Aguila Saleh, kündigte am Samstag an, dass General Khalifa Haftar die vor einer Woche begonnene Offensive auf die von der international anerkannten Regierung gehaltene Hauptstadt fortsetzen werde.

"Wir müssen die Milizen und Terrorgruppen loswerden", sagte Saleh in Benghazi. "Wir versichern den Bewohnern von Tripolis, dass die Kampagne zur Befreiung von Tripolis begrenzt sein wird und keine Freiheiten verletzt werden, sondern die Sicherheit wiederhergestellt und der Terrorismus bekämpft wird."

Einheiten, die zur Regierung in Tripolis stehen, haben den Vorstoß von Haftars Truppen bremsen können. Die Kämpfe konzentrierten sich zuletzt auf einen ausgedienten Flughafen etwa elf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Am Samstag wurde bei einem Angriff der ostlibyschen Armee LNA der Hof einer Grundschule getroffen, wie ein Reuters-Reporter beobachten konnte. Laut LNA war das Ziel eigentlich ein Lager der Tripolis-Truppen.

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Im Osten Libyens bereitete sich eine Einheit der LNA derweil darauf vor, die beiden größten Ölhäfen des Landes, Es Sider und Ras Lanuf, abzusichern. Die Behörden rechnen nach eigenen Angaben mit einem Angriff bewaffneter Gruppen, die loyal zur Regierung in Tripolis stehen. Sollte es dazu kommen, würde das potenziell eine neue Front in dem Konflikt eröffnen.

UN warnen vor Angriffen auf Zivilisten
Die Libyenmission der Vereinten Nationen (UNSMIL) hat die Kriegsparteien vor Angriffen auf Zivilisten gewarnt. Die Bombardierung von Schulen, Krankenhäusern und zivilen Gebieten sei unter internationalem Recht strengstens verboten, twitterte die Mission am Sonntag. Verstöße würden dokumentiert und an den UN-Sicherheitsrat und den Internationalen Strafgerichtshof weitergeleitet.

In den vergangenen Tagen hatte es mehrfach Berichte über Angriffe auf medizinisches Personal und Ersthelfer in Libyen gegeben. Die Weltgesundheitsorganisation berichtete, dass seit Ausbruch der Kämpfe vor zehn Tagen mindestens 121 Menschen getötet und mehr als 560 verletzt worden seien.

6.000 Migranten angeblich zur Abfahrt nach Italien bereit

Italien beobachtet mit zunehmender Sorge die Entwicklungen in Libyen. Angesichts des eskalierenden Konflikts im nordafrikanischen Krisenland könnten bis zu 6.000 Migranten versuchen, von Libyen nach Italien zu gelangen. Das geht aus einem Bericht des italienischen Geheimdienstes AISE hervor.

Das Dossier liegt dem italienischen Premier Giuseppe Conte vor, berichtete die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" (Sonntagsausgabe). Zur Flucht nach Italien bereit seien tausende Menschen, die sich derzeit in Libyens Internierungslagern befinden, darunter unzählige Frauen und Kinder. Die italienischen Geheimdienste warnten vor der Gefahr, dass mit einer neuen Migrationswelle aus Libyen auch islamistische Terroristen nach Italien gelangen könnten.

Die italienische Regierung führt derzeit Gespräche sowohl mit Vertretern der international anerkannten Regierung in Tripolis, als auch mit General Khalifa Haftar, der die begonnene Offensive auf die Hauptstadt fortsetzt. "Es besteht die konkrete Gefahr einer humanitären Krise in Libyen, die wir um jeden Preis abwenden wollen. Wir führen Gespräche mit allen Kräften in Libyen. Es ist wichtig, alles Erdenkliche für die Stabilisierung eines Landes zu unternehmen, das von entscheidender Bedeutung für Nordafrika, den Nahen Osten, den ganzen Mittelmeerraum, also auch für die EU ist", so Premier Conte laut Medienangaben.

Der parteilose italienische Regierungschef trifft am Montag in Rom den katarischen Außenminister und Vizepremier Mohammed bin Abdulrahman al-Thani. Thema des bilateralen Treffens wird Libyen sein, verlautete aus Regierungskreisen in Rom. Thani macht Druck, damit Italien eine Schlüsselrolle bei Friedensgesprächen in Libyen übernimmt. (apa,reuters,afp)