Khartum/Algier. Wie entschlossen die überwiegend jungen Protestteilnehmer in Khartum sind, ist schwer zu übersehen. Seit mehr als einer Woche harren sie nun schon vor dem Armeehauptquartier in der sudanesischen Hauptstadt aus, um für die Übergabe der Macht zu demonstrieren. Nicht das Militär, das nach der Absetzung von Omar al-Bashir nun bereits den zweiten Nachfolger des autokratischen Langzeitmachthabers installiert hat, soll künftig die Geschicke des Landes bestimmen, sondern eine zivile Regierung.

Den Wind aus den Segeln haben sich die Demonstranten dabei weder durch die bisherigen Zugeständnisse des Militärs nehmen lassen noch durch Einschüchterungsversuche oder Gewalt. Als die Armee, die zu Beginn der Proteste noch als großer Hoffnungsträger galt, am Montag mit schwerem Gerät anrückte, um die um das Protestcamp errichteten Barrikaden abzubauen, bildete sich in wenigen Minuten ein großer Ring aus sich an den Händen haltenden Menschen. "Freiheit, Freiheit" und "Revolution, Revolution" schallte es dabei über den Platz.

Die Entschlossenheit der Demonstranten, der bedingungslose Wunsch nach einem Systemwechsel, ist aber nicht nur im Sudan zu beobachten. So gehen in Algerien nach dem Sturz des greisen Langzeitmachthabers Abdelaziz Bouteflika noch immer hunderttausende Menschen auf die Straße, weil sie fürchten, dass sich bei den für 4. Juli angesetzten Wahlen das alte Regime im neuen Gewand erneut die Macht sichern könnte. Auch in Marokko und in Jordanien gibt es immer wieder Demonstrationen gegen die staatliche Führung.

Die Bilder der Proteste erinnern dabei stark an den Jänner 2011: In der ägyptischen Hauptstadt Kairo standen damals hunderttausende Menschen auf dem Tahrir-Platz und forderten den Sturz des Regimes von Hosni Mubarak. Kurz davor waren schon in Tunesien zehntausende junge Menschen auf die Straßen gegangen und hatten damit den Sturz von Zine el-Abidine Ben Ali nach knapp 23 Jahren an der Macht eingeleitet.

Die verspätete Revolution

Dass sich der Unmut der Menschen in Algerien, Marokko, Jordanien und im Sudan erst jetzt und nicht schon 2011 entladen hat, kommt für viele Experten überraschend. Denn die hinter den Protesten steckenden strukturellen Probleme sind in vielen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens ähnlich. So ist die Bevölkerung in den meisten Staaten sehr jung. Trotz einer mitunter guten Ausbildung gibt es in den mit vielen wirtschaftlichen Problemen kämpfenden Staaten aber kaum Jobs und Perspektiven für junge Menschen. Geld und politische Macht teilen sich korrupte Politiker, einflussreiche Offizierscliquen und einzelne Wirtschaftsgrößen auf. "Das alles sind allerdings Probleme, die schon 2005 flächendeckend festgestellt wurden", sagt der Politikwissenschafter André Bank vom Giga- Institut für Nahost-Studien gegenüber der Deutschen Presseagentur. Viele der nun von Protesten betroffenen Länder seien daher eigentlich schon früher "reif für Revolutionen" gewesen.