Kritische Fragen unerwünscht

Am Vorabend hatte Jerry Nadler, als Vorsitzender des Justizausschusses einer der führenden Köpfe der Demokraten im Abgeordnetenhaus, versucht, Barrs Pressekonferenz buchstäblich wie sprichwörtlich ins rechte Licht zu rücken: Sie repräsentiere "einzig und allein den Versuch, den Mueller-Report im Sinne des Weißen Hauses einzurahmen". Futter für diese Kritik ergab sich ungeachtet der Parteiperspektive aus der äußerst ungewöhnlichen Vorgangsweise, die Barr gewählt hatte: Ein amtierender US-Justizminister gibt eine Pressekonferenz über ein Dokument, das bis dahin nur seine engsten Mitarbeiter und die Anwälte des Weißen Hauses gelesen haben - mit denen er es laut Medienberichten Tage zuvor geteilt hatte - aber kein einziger der Medienvertreter im Raum, die ihm Fragen darüber stellen könnten. Was seiner Glaubwürdigkeit auch nicht zuträglich war: Rein rhetorisch erweckte Barr bei seiner rund 20-minütigen Präsentation den Eindruck, dass Trump mit anderen Massstäben gemessen werden sollte, weil er sich "seit seiner Amtseinführung" mit der dunklen Wolke, die die Mueller’schen Untersuchungen repräsentiert hätten, herumschlagen hatte müssen und er deshalb, sinngemäß, vielleicht manchmal überreagiert habe.

Auf das Wahlverhalten der Amerikanerinnen und Amerikaner wird die Veröffentlichung der redigierten Version des Mueller-Reports mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Auswirkungen haben. Der Präsident und seine Partei haben ihre Wähler seit Beginn der Untersuchung und ungeachtet des Inhalts darauf konditioniert, dass dieser, ungeachtet des Inhalts, nicht ernst genommen werden könne, weil er von angeblich ideologisch und politisch motivierten Kräften im Justizministerium angestrengt und betrieben worden wäre.

Ab sofort kann sich jeder selbst ein Bild davon machen. Rund zwei Stunden nachdem Barr das Podium verlassen hatte, wurde die redigierte Version des Mueller-Reports der Öffentlichkeit auf der Website des US-Justizministeriums (www.justice.gov) zugänglich gemacht.