"Wiener Zeitung": Herr Kräutler, Ihr Talent, das Eis zu brechen - haben Sie das in Amazonien gelernt oder schon aus Österreich mitgebracht?

Erwin Kräutler: Man lernt hier sehr viel. Mit der steifen Art von drüben kommt man nicht an. Hier musst du locker sein, die Leute spüren lassen, dass du sie gern hast. Beim Friedensgruß beispielsweise gehe ich bis zum letzten Teilnehmer des Gottesdienstes. Wenn ich nicht gehe, kommen die Leute nach vorne. In Europa muss ich Acht geben. Ich gebe die Hand und klopfe sofort auf die Schulter, und da gibt es Leute, die erschrecken, nossa senhora!

Sie setzen sich seit Jahrzehnten für Amazonien und seine Bewohner ein, haben etwa gegen das Mega-Kraftwerk "Belo Monte" gekämpft. Was haben Sie daraus für den aktuellen Kampf gegen das Projekt "Belo Sun" mitgenommen, bei dem ein kanadisches Unternehmen im Amazonas-Gebiet Gold abbauen will. Was würden Sie eventuell anders machen?

Ich würde keinen Schritt anders machen als damals gegen "Belo Monte". Aber ob wir siegreich sein werden, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls sind wir immer noch da. Wir werden sagen, das ist eine Katastrophe, die über uns hereinbricht. Das Damoklesschwert schwebt über uns. Man glaubt einfach nicht mehr, dass es bei von Menschenhand geschaffenen Bauten wirklich Sicherheit gibt. Man denke nur an die Dammbrüche von Mariana, Brumadinho. Wo ich bin, sei es in Brasilien oder Österreich, mache ich darauf aufmerksam. Man macht sich halt nicht nur Freunde damit. Obwohl mir bei "Belo Monte" Unternehmer, die mich bedroht haben, heute auf die Schulter klopfen. Aber es ist zu spät.

Welche Schlüsse lassen sich daraus für das Amazonas-Gebiet unter Brasilien mit dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro ziehen?

Wir sind in einer neuen Situation mit der neuen Regierung. Die neue Regierung ist extrem rechts und möchte die indigenen Rechte aufheben. Das, wofür wir mit dem Indigenen Missionsrat gekämpft haben, soll rückgängig gemacht werden. Ich habe selbst im Kongress gesprochen, als es darum ging, dass die indigenen Rechte in die Verfassung von 1988 kommen. Die Abstimmung damals war ja fantastisch, mehr als 400 Ja-stimmen, acht Nein-Stimmen und acht Enthaltungen. Und jetzt sollen die Indigenen Brasilianer werden wie alle anderen, das halte ich für Unsinn. Sie haben eine andere Kultur, eine andere Sicht als Nicht-Indigene.

Es scheint auch, als ob ganze Indigenen-Dörfer zu den Evangelikalen überwechseln. Schmerzt Sie das oder wie gehen Sie damit um?