Kabul. Irgendwann muss das alles angefangen haben. Irgendwo. All das Morden in Afghanistan. Diese lange Reihe von Kriegen, Umstürzen und Stammesfehden, die ein zuvor halbwegs funktionierendes Land in einen Strudel von Chaos und Gewalt rissen. Die bewirkten, dass sich als Ergebnis der ständigen Regimewechsel auf dem Boden Afghanistans heute die staatliche Autorität weitgehend aufgelöst hat.

Die Regierung in Kabul, die sich mehr und mehr verschanzen muss, gebietet nach Schätzungen nur noch über rund 38 Prozent des afghanischen Territoriums. Die Taliban, zu deren Bekämpfung die USA nach den New Yorker Attentaten vom 11. September 2001 in dem Land am Hindukusch militärisch eingriffen, kontrollieren heute wieder mindestens 50 der 407 afghanischen Distrikte - und sind in mehr als 200 weiteren Distrikten die dominierende politische Kraft. Die Friedensgespräche, die im Golfemirat Dubai hätten stattfinden sollen, sind erst am Donnerstag auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Von Frieden kann ohnedies nicht die Rede sein: Im Winter gab es in fast allen Provinzen Kämpfe - noch vor dem Start der traditionellen Frühjahrsoffensive der Gotteskrieger, die kürzlich begonnen hat. Und all das passiert, obwohl es im Jahr 2018 die meisten US-Luftangriffe seit dem Rückzug eines Großteils der Nato-Truppen 2014 gegeben hat: 7362 Bomben und Raketen wurden nach Angaben des US-Oberkommandos abgefeuert. Ein Jahr zuvor lag die Zahl nur bei 4361 - und 2015 bei 947.

Kurz: Diesen Krieg noch zu gewinnen, ist auch für die hochgerüstete Weltmacht USA eine Illusion. Ganz wie es für die Sowjetunion eine war, deren Truppen im Februar 1989 das Land endgültig verließen - nach mehr als neun Jahren eines zuletzt immer aussichtsloseren Kampfes.

Schritt für Schritt ins Chaos

Wer an den Ursprung der afghanischen Tragödie zurückgehen will, muss ihn in Ostafghanistan suchen. Genauer: In Kerala, einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Asadabad, nicht weit von der pakistanischen Grenze entfernt. Dort ereignete sich am 20. April 1979, vor nunmehr genau 40 Jahren also, ein Massaker, das als eines der schlimmsten der afghanischen Geschichte gilt. 1170 Dorfbewohner, ausschließlich Männer und Buben, sollen nach Schätzungen von Sondereinsatztruppen der damaligen kommunistischen Regierung und von Polizisten getötet worden sein - die gesamte männliche Dorfbevölkerung im wehrfähigen Alter. Der Vorwurf, der ihnen laut Berichten von Augenzeugen gemacht worden sein soll, war, einen Vormarsch der aufständischen islamisch-konservativen Mudschahiddin-Kämpfer auf das Dorf nicht verhindert zu haben. Das war ihr Todesurteil: Die Männer wurden am Platz vor der örtlichen Moschee versammelt, ein Jeep fuhr vor, ein Offizier stieg aus - laut Augenzeugenberichten, die die deutsche Wochenzeitung "Zeit" recherchiert hat, soll es Saqid Alemyar gewesen sein, ein Hauptmann, der die Elitetruppe "Kommando 444" befehligte und der heute unbehelligt in den Niederlanden lebt.