Was danach geschah, ist unklar: weigerten sich die Dorfbewohner, kommunistische Slogans zu schreien? Schrien sie stattdessen "Allahu Akbar"? Oder fielen die Schüsse bereits nach einer simplen Replik eines Lehrers, der auf die Vorwürfe, man habe nicht genug gegen die aufständischen Mudschahiddin getan, antwortete, wie hätte man das Eindringen der Rebellen in das Dorf denn verhindern sollen? Fest steht nur: Die Soldaten feuerten, die Körper der Erschossenen fielen übereinander. Ein Bagger schob Erde über die Leichen.

Afghanistan war schon vor dem Massaker von Kerala Schritt für Schritt in die Instabilität gerutscht. Lange Zeit war das Land am Hindukusch ein Königreich. König Mohammed Zahir Schah, seit 1933 an der Macht, läutete sogar eine Wendung Richtung Demokratie ein, einschließlich Frauenwahlrecht, Modernisierung der Infrastruktur und Pressefreiheit - im streng islamisch-konservativen Afghanistan war das nicht immer populär.

1973 wurde der König, der sich gerade auf Kur im Ausland befand, jedoch von seinem Verwandten Mohammed Daud unblutig gestürzt. Afghanistan wurde Republik. Daud stützte sich zunächst auf die "Demokratische Volkspartei Afghanistans" (DVPA), eine Partei kommunistischer Prägung, betrieb allerdings bald eine Schaukelpolitik zwischen Moskau und dem Westen. Er gründete seine eigene Partei und rückte mehr und mehr von den Kommunisten ab - zu seinem Unheil: Im April 1978 wurde er in der "Saurrevolution" gestürzt und getötet.

Radikale Stalin-Fans

Träger der Revolution war vor allem der radikale Flügel innerhalb der Kommunisten, die sogenannten "Chalkis" (das Wort Chalk bedeutet "Volk"). Ziel dieser Gruppe war eine radikale Umwandlung und Modernisierung Afghanistans im Stil der stalinistischen Sowjetunion. Premierminister Hafizullah Amin, der Mann, der möglicherweise für das Massaker von Kerala verantwortlich war, verehrte Stalin und hatte eine Büste des Sowjet-Diktators auf seinem Schreibtisch. Von ihm ist der Spruch überliefert, dass Stalins Weg, in einem rückständigen Land den Sozialismus aufzubauen, zwar "am Anfang schmerzhaft" sei, "aber dann wendet sich alles zum Guten" - schließlich winkte in der Vorstellung der Chalkis am Ende der Anstrengungen das Paradies auf Erden: Für jeden ein Haus, Essen und Kleidung gratis. Dementsprechend radikal gingen die Revolutionäre zu Werke: So wurden die Güter der Großgrundbesitzer nach sowjetischem Vorbild in aller Eile unter Landarbeitern aufgeteilt. Das Ergebnis: Verheerende Missernten und erster Widerstand der Mudschahiddin.

Mit dem 20. April 1979 war dann der Damm gebrochen, der Weg zur Gewalt beschritten. Das Massaker von Kerala schüchterte weniger die Afghanen ein, als dass es deren Widerstandsgeist wach rief. Die kommunistische Regierung Amins, von Moskau wegen deren Radikalität ohnehin mit Argwohn beäugt - der Sowjet-Geheimdienst KGB hatte mehrmals versucht, Amin zu vergiften - , kam in Bedrängnis. Die Führung der UdSSR um Generalsekretär Leonid Breschnew entschloss sich zur Intervention - am 25. Dezember 1979 überschritten sowjetische Truppen die afghanische Grenze. Amin wurde abgesetzt und getötet, eine gemäßigte KP-Führung übernahm die Macht - und in Afghanistan begann der lange Stellvertreterkrieg des moskaugestützten Regimes gegen die von den USA unterstützten islamischen Rebellen.