Washington. "Onkel Joe" will es nochmal wissen: Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden bewirbt sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Es ist sein dritter Anlauf auf das höchste Staatsamt. Die vielfach gestellte Frage, ob er mit seinen 76 Jahren dafür nicht zu alt sei, hatte Biden im Vorfeld zwar als "legitim" bezeichnet. Doch traut er sich noch die Kraft für den Wahlkampf und das Amt zu.

Für seine Bewerbung lieferte Biden am Donnerstag eine eindeutige Begründung: Donald Trump. In einem Webvideo nannte er den Präsidenten eine "Bedrohung" für die Grundwerte der USA. Sollte Trump acht Jahre regieren, "wird er für immer und grundlegend den Charakter dieser Nation verändern", warnte Biden: "Ich kann nicht daneben stehen und das geschehen lassen."

Biden sieht sich also auf einer historischen Mission. Deswegen haben auch die jüngst aufgekommenen Belästigungsvorwürfe den Politikveteranen mit dem Spitznamen "Uncle Joe" nicht bremsen können. Mehrere Frauen hatten berichtet, er habe sie in unziemlicher Weise körperlich berührt.

Biden ist Gegenpol zum Trend

Dennoch zählt Biden zu den Favoriten für die Kandidatur der Demokraten - und dies, obwohl er die personifizierte Antithese zum vorherrschenden Trend ist. Die Partei bewegt sich nach links, erlebt den rasanten Aufstieg junger Newcomer und steigert ihre ethnische und kulturelle Diversität. Biden hingegen ist ein weißer Senior mit moderaten Ansichten, der viel mit den Republikanern zusammengearbeitet hat.

Gerade deshalb sehen aber manche Experten in dem Ex-Stellvertreter von Barack Obama und langjährigen Senator den chancenreichsten Trump-Herausforderer im demokratischen Feld mit nun schon 20 Anwärtern. Die Annahme dabei ist, dass für den Sieg gegen Trump vor allem Wähler der Mitte in den wahlentscheidenden Schlüsselstaaten gewonnen werden müssen.

Biden verkörpert einen Typus mit Anziehungskraft für die weiße Arbeiterschicht - eine wichtige Wählergruppe, bei der Trump weiterhin starken Zuspruch hat. Die TV-Kommentatorin und moderate Republikanerin Ashley Pratte nennt Biden folglich den "idealen Kandidaten, um es mit Donald Trump aufzunehmen".

Altlasten im Gepäck

Mit seinen früheren Anläufen auf das Präsidentenamt war Biden 1987 und 2008 zwar schon früh in den Vorwahlen gescheitert. Die meisten aktuellen Umfragen noch vor seiner offiziellen Bewerbung sahen ihn aber unter dem Demokraten vorn - vor Senator Bernie Sanders, der mit seinen 77 Jahren ebenfalls mit der Altersfrage konfrontiert ist.

Biden hat allerdings über die Belästigungsvorwürfe hinaus mit Altlasten zu kämpfen. Ausgiebig berichtet wurde in den US-Medien über sein früheres Abstimmungsverhalten und kritische Äußerungen von ihm. So kritisierte Biden einst verpflichtende Bustransporte von Schülern, mit denen die Rassentrennung an den Schulen überwunden werden sollte. Später stimmte er für die Lockerung von Bankenregulierungen - eine Maßnahme, die laut Fachleuten zur Finanzkrise 2008 beitrug.

Bidens Nähe zur Arbeiterschaft ist aber kein bloßer Schau-Akt. Er wuchs in Scranton im Bundesstaat Pennsylvania auf, einer von Kohle und Schwerindustrie geprägten Stadt. Die Finanznot seiner Eltern und ein Stotterleiden bescherten ihm eine schwierige Kindheit. Als Zehnjähriger zog er mit seiner Familie nach Delaware um. Diesen Staat repräsentierte er nach Jusstudium und Anwaltstätigkeit ab 1973 im US-Senat - 36 Jahre lang.

Wichtige Rolle in der Außenpolitik

Anschließend war Biden acht Jahre an Obamas Seite der zweite Mann im Staat - eine Rolle, die er aktiv ausfüllte. Vor allem in der Außenpolitik spielte der Vizepräsident eine wichtige Rolle.

Bidens Privatleben ist durch harte Schicksalsschläge geprägt. 1972 starben seine erste Frau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall, die zwei Söhne überlebten schwer verletzt. Sein Sohn Beau verstarb dann 2015 an einem Hirntumor. Ohne dessen Tod hätte Biden nach eigener Schilderung schon damals einen weiteren Anlauf auf das Präsidentenamt gestartet. Vier Jahre nach der Familientragödie holt er dies nun nach. (apa, afp)