Brasilia/Washington/Brüssel. (dpa) Die Europäische Union ist mitverantwortlich für die großflächige Abholzung von Regenwald. Sie ist weltweit führend bei der Einfuhr von Nutzpflanzen wie Palmöl, die zu Entwaldung führen, was zwischen 1990 und 2008 zu globalen Waldverlusten in der Größenordnung Portugals geführt hat. Rund 600 Wissenschafter, darunter 20 aus Österreich, sowie Ureinwohner haben die EU nun dazu aufgerufen, bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Brasilien auf den Schutz der Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte zu bestehen.

"Brasiliens Wälder, Feuchtgebiete und Savannen sind entscheidend für die große Vielfalt der indigenen Völker, die Stabilität des globalen Klimas und die Erhaltung der Biodiversität", schreiben die Forscher in einem im Fachjournal "Science" veröffentlichten Brief. "Wir rufen die EU dazu auf, ihre Chance zu nutzen, um die Wahrung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt sicherzustellen." Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro will den Schutz des Amazonasgebiets zurückfahren und den Regenwald stärker wirtschaftlich nutzen. Die EU verhandelt seit Jahren mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur über ein Freihandelsabkommen.

Der brasilianische Wissenschafter Tiago Reis warnte, dass sich das Zeitfenster, um desaströse Folgen des Klimawandels zu vermeiden, schließt.

"Lunge der Erde"entscheidend für Klimastabilität

Der Regenwald in Brasilien gilt als "Lunge der Erde", seine Erhaltung ist entscheidend für die globale Klimastabilität. "Allein im Jahr 2011 bedeuteten die Importe von Rindfleisch und Viehfutter in die EU eine Abholzung von mehr als 1000 Quadratkilometern in Brasilien - das entspricht mehr als 300 Fußballfeldern pro Tag", sagt Barbara Smetschka vom Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien.

Die Entwaldung bedrohe viele Arten, setze große Mengen an Kohlendioxid frei und gefährde die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung, sagte Tobias Kümmerle von der Humboldt-Universität in Berlin. "Wir sollten auch beim Import von Agrarprodukten höhere Standards in Bezug auf Umwelt und Menschenrechte anlegen, da diese Produktion erhebliche Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaften in den Herkunftsländern hat."

Die NGO Amazon Watch warf Unternehmen aus Europa und den USA vor, durch ihre Geschäftsbeziehungen nach Brasilien die Abholzung des Regenwaldes zu befeuern. "Unsere Untersuchung zeigt, wie die globalen Märkte die schlimmsten Akteure der brasilianischen Landwirtschaft stützen", sagte Christian Poirier. "Sie unterstützen brasilianische Firmen, die für die zunehmende Abholzung und den Anstieg von Menschenrechtsverletzungen gegen die indigenen Gemeinschaften und die Landbevölkerung verantwortlich sind."

"Wir brauchen Hilfe, damit die Dinge sich ändern", sagte Sonia Guajajara von der indigenen Dachorganisation APIB, die rund 300 indigene Völker vertritt. "Wir rufen die internationalen Konsumenten dazu auf, landwirtschaftliche Produkte aus Brasilien zu boykottieren, bis sich die brasilianische Regierung des Schutzes des indigenen Landes annimmt und etwas gegen die Gewalt gegen Ureinwohner tut. Wir wollen Frieden, damit unsere Leute ein gutes und würdiges Leben führen können."

Zumindest gegen die illegale Abholzung im Amazonas gehen die brasilianischen Behörden nun vor. Am Donnerstag hat die Polizei einen Großeinsatz gestartet und 23 Haftbefehle und 109 Durchsuchungsbeschlüsse ausgestellt. Außerdem seien 50 Millionen Reais (11,25 Millionen Euro) auf den Konten der verdächtigen Unternehmen blockiert worden.

Zwölf Millionen Hektar Regenwald vernichtet

Was den weltweiten Verlust von Regenwald betrifft, ist Brasilien trauriger Spitzenreiter. Im vergangenen Jahr sind dort 1,35 Millionen Hektar verloren gegangen. Insgesamt sind 2018 zwölf Millionen Hektar an Tropenwald verschwunden. Besonders besorgniserregend seien die Verluste von ursprünglichem Regenwald in den Tropen, heißt es in dem Bericht des Projekts Global Forest Watch (GFW), der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Rund 3,64 Millionen Hektar waren es dort - eine Fläche so groß wie England.

Manches davon sei auf Waldbrände zurückzuführen, der Großteil habe aber augenscheinlich damit zu tun, dass Flächen abgeholzt wurden, um Weideflächen zu schaffen. Als positives Beispiel wird Indonesien angeführt. In dem südostasiatischen Land seien die Verluste von Primärwald auf den niedrigsten Stand seit 2003 gefallen. Das deute darauf hin, dass Schutzmaßnahmen der Regierung Wirkung zeigten.