Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt, dass in der Altstadt etwa zwei Millionen Tonnen Schutt anfallen. Von den 15.000 Häusern der historischen Viertel wurden laut UN-Habitat ein Drittel zerstört oder schwer beschädigt.

Die Männer und Frauen, die in den Ruinen anpacken, erhalten von UNDP 20 US-Dollar am Tag. Für viele das einzige Einkommen in der vom Krieg verwüsteten Stadt. Damit möglichst viele Einwohner Mosuls am Geld-für-Arbeit Programm teilnehmen können, ist die Arbeitszeit auf drei Monate pro Person beschränkt. Knapp 16.000 Menschen wurden seit Start des Projekts im Mai 2017 beschäftigt.

Doch in den Ruinen der Altstadt finden sie nicht nur Schutt. "Im Haus nebenan lag eine Leiche", so Bayar. Auf seinem Smartphone zeigt er Fotos von weiteren Fundstücken: Munition, eine Pistole, ein verbogenes Panzerabwehrrohr. Das Gefährlichste sind aber Sprengkörper. "Das Gebiet, wo wir arbeiten, wurde von Unmas gesäubert", erklärt Bayar. "Dort hinten noch nicht", und deutet ans Ende der Gasse: Ein Hof, meterhoch gefüllt mit den Trümmern der eingestürzten Nachbarhäuser, dahinter ein abgerissenes Minarett, von Tauben umkreist.

Böse Genies

"Wir schätzen, dass zwei Drittel der Sprengkörper unter dem Schutt verborgen sind", sagt Pehr Lodhammar, Leiter des Minenräumdienstes der UNO (Unmas) im Irak. Wir treffen ihn am Gelände des Al-Shifa-Krankenhauses. Von einem der modernsten Hospitäler des Landes sind nur mehr ausgebrannte Betonruinen übrig. Soldaten des IS hatten sich in den Kliniken am Ufer des Tigris verschanzt. Entsprechend schwer verliefen die Gefechte und Luftschläge auf die Anlagen.

Drei Monate nach Ende der Kämpfe begann Unmas seine Arbeit beim Al-Shifa-Hospital. Acht Monate dauerte der Einsatz. "Insgesamt haben wir 3500 Sprengkörper geräumt", so Lodhammar. Neben nicht detonierten Kampfmitteln wie Fliegerbomben, Granaten und Raketen fanden sie vor allem unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV), auch Sprengfallen genannt. Und bei der Herstellung dieser waren die Sprengstoffexperten des Islamischen Staates (IS) kreativ: Fernausgelöste Zünder, Druckzünder, Entlastungszünder, Passiv-Infrarotsensoren oder Kombinationen der genannten. "Böse Genies", wie Lodhammar sagt. Unter den Fundstücken waren auch mehr als tausend Sprengstoffgürtel. Diese seien Standard bei den Dschihadisten gewesen, so Lodhammar.

Ein Gang durch die Ruinen des Al-Shifa-Hospitals soll verdeutlichen, unter welchen Bedingungen die Einsätze der Kampfmittelräumer erfolgen. Über eine Treppe geht es ins Innere eines ausgebombten Betonklotzes. Als Unmas seine Arbeit hier begann, waren die Böden von Schutt und Glassplittern bedeckt. In einem dämmrigen Korridor - tote Stromkabel hängen von der Decke - spürt man einen geringen Widerstand an der Schuhsohle, gefolgt von einem leisen Klick: Ein Stolperdraht, wenige Millimeter über dem Boden gespannt. Würde es sich nicht um eine Vorführung handeln, wäre jetzt, durch den Zug am Draht, eine Sprengfalle ausgelöst worden.