"Das Räumen von Sprengkörpern ist psychisch anstrengend", sagt Jai Gardner. Der Ex-Soldat ist Kampfmittelräumer beim privaten Sicherheitsdienst G4S, der in Mossul im Auftrag von Unmas nach Sprengfallen und Kriegsschrott sucht. Sie erfordere höchste Konzentration, daher werden die Kampfmittelräumer alle 40 bis 60 Minuten abgelöst. Improvisierte Sprengfallen sind für Gardner, der weltweit im Einsatz war, nichts Neues. "Das Besondere hier ist die industrielle Massenfertigung der Sprengsätze." In einer ehemaligen Klinik des Al-Shifa-Hospitals fanden sie eine Werkstatt, in der Sprengfallen massenweise hergestellt wurden. Über 40.000 Sprengkörper konnte Unmas bisher in der Stadt sicherstellen. Lodhammar schätzt, dass es weitere acht Jahre brauchen wird, um gan Mossul von den explosiven Gefahren zu räumen.

Korruption frisst Hilfsgelder

Internationale Hilfsorganisationen und lokale Bevölkerung haben bisher viel geleistet. Doch es gibt auch Kritik. So beklagt Zuhair al-Araji, Bürgermeister von Mossul, dass es zu langsam voran gehe. Als Grund nennt er die zu geringe finanzielle Unterstützung aus Bagdad. Aktivisten und Blogger von "Mosul Eye" prangern die grassierende Korruption an, die einen Teil der Hilfsgelder fresse. Der Architekt Sioud al Omari beklagt die mangelnde Koordination beim Wiederaufbau. So komme es vor, dass Straßen fertiggestellt werden, kurze Zeit später der Belag aber wieder aufgerissen wird, weil auf die Kanalisation vergessen wurde. Auch würden aus politischen Gründen Projekte verhindert oder verzögert, um dem Gegner im politische Ränkespiel keinen Erfolg zu ermöglichen. Al Omari ist außerdem besorgt, dass den zerstörten historischen Gebäuden in der Altstadt nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Gefahr sei groß, dass historische Architekturteile wie Säulen, Fensterrahmen und dekorative Elemente auf den Schutthäufen vor Mossul verschwinden.

"Die Leute sollten nicht fragen, warum der Wiederaufbau so langsam voran geht", beschwichtigt Nawfal Hammadi al-Sultan, Ex-Gouverneur der Provinz Niniveh zu der auch Mossul gehört, in einem Reuters-Interview. Die Frage sei eher, warum man denn übereilt handeln sollte. Das Ende des Krieges liege ja noch nicht lange zurück. Viele Einwohner Mossuls sehen das anders. Sie wollen nicht mehr auf staatliche Hilfe warten und beginnen eigenständig, Schutt wegzuräumen und Häuser so gut es geht wieder aufzubauen. Im März wurde der Gouverneur Al-Sultan wegen des Vorwurfs der Korruption abgesetzt.

Etwa 300.000 Menschen warten immer noch auf die Rückkehr in ihre zerstörten Häuser. Andere sind bereits zurückgekehrt. Bushra Hadi Salih gart gefüllte Weinblätter in einem großen Topf im Hof ihres Hauses. Die 65-jährige Witwe wurde mit Beginn des Kampfes um Mossul vom IS gezwungen, ihr Haus zu verlassen. "Die haben in meinem Keller ein Spital für Dschihadisten eingerichtet", sagt sie. Salih und ihre Familie flohen über den Tigris in den Ostteil der Stadt, der im Jänner 2017 von den Streitkräften befreit wurde. Ihr Haus, ein einstöckiges Bauwerk um einen Hof, wurde von Granaten beschädigt. Im Zuge des UNDP-Programms zum Wiederaufbau leicht bis mittelschwer beschädigter Häuser wurden die Schäden ausgebessert. Insgesamt sollen 15.000 Häuser im Westen der Stadt von UNDP saniert werden, 2400 davon in der Altstadt. Geschätzte 575 Millionen US-Dollar sollen die Arbeiten kosten, inklusive der Schulen und Hospitäler, die UNDP wieder aufbauen wird, der Erneuerung des Strom- und Wassernetzes und den Löhnen für die Arbeiter. Salih ist froh, wieder hier zu sein. Ein Krankenbett im Keller erinnert noch an die Dschihadisten. Da wären auch Akten gewesen, erzählt sie. "Aber die habe ich verbrannt."

Mit der Vergangenheit, dem IS und dem Krieg, wollen die Menschen in Mossul abschließen. Doch die Zukunft lässt auf sich warten. Vor der nur einspurig zu befahrenen Tigris-Brücke staut sich der Verkehr. Nichts geht mehr. Kinder klopfen an die Scheiben, betteln um Geld und Essen. Narben des Krieges; überall. Um Frieden zu wahren, wird die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad den Wiederaufbau vorantreiben müssen. Korruption, Misswirtschaft und mangelnde Kooperation der verantwortlichen Politiker behindern die Bauarbeiten und geben den Sunniten in Mossul das Gefühl, vernachlässigt und ausgegrenzt zu sein. Ein Zustand, der dem der IS 2014 den Weg nach Mossul ebnete.