Gaza. Der Konflikt zwischen Israel und militanten Palästinensern aus dem Gazastreifen ist erneut gefährlich eskaliert. Militante Palästinenser feuerten bis zum Sonntag Nachmittag zahlreiche Raketen auf israelische Ortschaften.  Die israelische Armee meldete, bis Sonntagvormittag 450 Geschoße vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert worden. Das Militär reagierte nach eigenen Angaben mit rund 220 Vergeltungsangriffen auf das Palästinenser-Gebiet.

Bei den Raketen angriffen auf Israel habe es am Sonntag ein viertes Todesopfer gegeben, teilte indessen der israelische Polizeisprecher Micky Rosenfeld mit. So sei Medienberichtene zufolge in der Stadt Ashdod ein Mann den Verletzungen erlegen, die ihm ein Schrapnell zugefügt habe.

Das Gesundheitsministerium der von der radikalislamischen Hamas geführten Regierung im Gazastreifen verlautete wiederum, bei israelischen Angriffen im Norden des Palästinensergebietes seien am Sonntag drei weitere Palästinenser getötet und acht Menschen verletzt worden. Unter den neuen Todesopfern sei ein Baby. Allein am Sonntag seien damit 15 Menschen durch israelische Angriffe getötet worden, hieß es Die israelische Armee wollte sich zunächst nicht zu diesen Angaben äußern.

"Maximale Zurückhaltung" 

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres rief die Konfliktparteien zu "maximaler Zurückhaltung" auf. Guterres verurteile die Raketenangriffe auf Zivilisten in Israel "auf das Schärfste", hieß es am Sonntag in New York in einer Mitteilung der Vereinten Nationen. Alle Seiten sollten "sofort deeskalieren". Der UNO-Nahost-Gesandte Nickolay Mladenov arbeite eng mit dem als Vermittler aktiven Ägypten und allen anderen Beteiligten zusammen, "um wieder Ruhe herzustellen", hieß es weiter.

Demonstration am Freitag

Die angespannte Lage zwischen Israelis und Palästinensern aus dem Gazastreifen hatte sich am Samstag wieder zugespitzt, nachdem es am Freitag bei Demonstrationen an der Grenze zu gewaltsamen Zusammenstößen gekommen war. Die Eskalation passiert nur eine Woche vor dem Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv. Bisher blieb Tel Aviv von der jüngsten Runde der Gewalt verschont. Militante Palästinenserorganisationen drohten jedoch nach Medienberichten mit einer Ausweitung der Angriffe auch auf die Küstenmetropole. Der bewaffnete Arm der Islamistenorganisation Islamischer Dschihad veröffentlichte ein Video, in dem militante Islamisten mit Angriffen auf zentrale Ziele in Israel, darunter den internationalen Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv, drohten.

Ein Sprecher der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Veranstalterin des ESC, sagte am Samstag: "Sicherheit steht für die EBU immer an erster Stelle." Man arbeite mit der israelischen Rundfunkanstalt KAN und der Armee zusammen, "um die Sicherheit all jener zu gewährleisten, die mit uns in der Veranstaltungshalle Expo Tel Aviv zusammenarbeiten und sich uns anschließen". Man verfolge die Lage aufmerksam und die ESC-Proben gingen normal weiter, sagte Sprecher Jon Ola Sand.

Vergeltungsangriffe

Als Reaktion auf den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ordnete Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu weitere Vergeltungsangriffe auf Ziele von Islamistengruppen an. Er habe die Armee angewiesen, ihre "massiven Angriffe auf Terrorziele im Gazastreifen" aufrechtzuerhalten, sagte er am Sonntag zu Beginn einer Kabinettssitzung in Jerusalem. Überdies solle die Armee die Truppen rund um den Gazastreifen "mit Panzern sowie Truppen von Artillerie und Infanterie" verstärken. Die Hamas trage die Verantwortung für alle Angriffe aus dem Küstenstreifen und zahle bereits einen hohen Preis dafür.

In Israel wurden nach Angaben des Rettungsdienstes Magen David Adom 83 Menschen verletzt, darunter eine 80-Jährige, die in Kiryat Gat durch Raketensplitter schwere Verletzungen erlitt.

Evakuierung

In israelischen Wohngebieten mussten seit Samstag Zehntausende Menschen in Schutzräume flüchten, in den betroffenen Regionen heulten immer wieder die Alarmsirenen. Mehrere Häuser in Ortschaften nahe dem Gazastreifen wurden von Raketen getroffen. Die Schulen in Israels Süden blieben am Sonntag geschlossen.

Nach Angaben von Anrainern wurden in Gaza zwei mehrstöckige Gebäude zerstört. Israelischen Angaben zufolge befanden sich in einem der Gebäude Büros des Militärgeheimdienstes und der Sicherheitsdienste der Hamas. Anrainer bestätigten, dass sich in einem der zerstörten Gebäude das Büro der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi befand. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan verurteilte bei Twitter "den Angriff Israels gegen das Büro der Agentur Anadolu in Gaza scharf".

Die US-Regierung erklärte sich solidarisch mit Israel und sprach dem Verbündeten die "volle Unterstützung" für dessen "Recht auf Selbstverteidigung gegen diese abscheulichen Attacken" aus, wie Außenministeriumssprecherin Morgan Ortagus mitteilte. Vertreter Ägyptens und der UNO bemühten sich um eine Beruhigung der Lage, die EU forderte ein sofortiges Ende der Raketenangriffe aus dem Gazastreifen.

Dagegen verurteilte die Türkei die Angriffe Israels scharf. Das Außenministerium erklärte am späten Samstagabend: "Wir fordern die internationale Gemeinschaft dazu auf, rasch einzuschreiten, um Spannungen in der Region abzubauen, die mit Israels unverhältnismäßigem Vorgehen gestiegen sind."