Hama. Nach mehr als acht Jahren Gewalt wird das letzte Kapitel im syrischen Drama geschrieben: Truppen der Regierung sind bei ihrer jüngsten Angriffswelle offenbar weiter in die letzte große Rebellenhochburg im Nordwesten des Landes vorgedrungen. Nach Beschuss mit Artillerie und Luftangriffen auf Idlib hätten die Truppen große Teile der Kleinstadt Kafr Nabuda in der Provinz Hama eingenommen, wie die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" meldete. Kafr Nabuda liegt auf einer wichtigen Versorgungsroute für die syrischen Rebellen, die nun abgeschnitten ist.

Syriens Regierung und ihr Verbündeter Russland hatten vergangene Woche eine Angriffswelle auf die Rebellenhochburg in den Provinzen Idlib und Hama gestartet. Auch Kliniken und Gesundheitszentren wurden bombardiert. In der Region rund um Idlib leben rund drei Millionen Flüchtlinge, etwa die Hälfte davon Vertriebene. Durch die neue Gewalt wurden nach UN-Angaben mehr als 150.000 Menschen vertrieben.

EU und UNO warnen vor einer humanitären Katastrophe. Die militärische Eskalation gefährde das Leben von mehr als drei Millionen Zivilisten in der Region, erklärte eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragen Federica Mogherini. Die Zivilbevölkerung dort habe bereits jetzt zu viel gelitten.

Der Sprecher des UN-Nothilfebüros Ocha in Syrien, David Swanson, warnte, es drohe das bisher größte humanitäre Leiden. In dem Rebellengebiet in Idlib und im Norden der Provinz Hama leben rund drei Millionen Menschen, rund die Hälfte von ihnen Flüchtlinge.

Krankenhaus getroffen

Russland als Verbündeter der Regierung sowie die Türkei als Unterstützer der Opposition hatten das Gebiet zu einer Deeskalationszone erklärt. Eine Pufferzone soll eine Offensive der Regierung verhindern. Kontrolliert wird das Gebiet in erster Linie von radikalen Islamisten, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehen.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass ein von Deutschland unterstütztes Krankenhaus Ziel tödlicher Angriffe geworden ist. Es wurde "in den vergangenen Tagen von mehreren Geschossen getroffen, wobei auch Tote zu beklagen waren", so ein Sprecher des deutschen Außenamtes. Besonders besorgt zeigte sich der Sprecher über die Umstände des Angriffs: Die Koordinaten des Krankenhauses seien im Voraus an die russischen Streitkräfte übermittelt worden - "mit dem Ziel, zivile Infrastruktur vor ebensolchen Angriffen zu schützen".

Dass das Krankenhaus dennoch getroffen wurde, sei "extrem Besorgnis erregend, weil es natürlich darauf schließen lässt, dass es sich hier nicht um einen Kollateralschaden im engeren Sinne handelt, weil zumindest der russischen Seite bekannt gewesen ist, dass es sich hier um zivile Infrastruktur handelt", so der Sprecher des Außenamts in Berlin. Die Koordinaten seien über die UNO an Russland übergeben worden.

Der Außenamts-Sprecher wollte sich nicht dazu äußern, ob die übermittelten Daten möglicherweise missbraucht wurden, um das Krankenhaus gezielt anzugreifen: "Darüber will ich nicht spekulieren."