Doch das Motiv des Besuchs von Van der Bellen ist freilich nicht, durch Sotschi zu spazieren. Der Bundespräsident ist nach Sotschi gekommen, um dort seinen Amtskollegen Wladimir Putin zu treffen und mit diesem gemeinsam den sogenannten Sotschi-Dialog aus der Taufe zu heben.

Mit Frankreich führt Moskau den Trianon-Dialog, mit Deutschland den Petersburg-Dialog und nun ist Bundespräsident Alexander Van der Bellen nach Sotschi an die Schwarzmeerküste gereist, um mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin ein ähnliches Dialog-Format – den Sotschi-Dialog zu besprechen. Dabei geht es um eine Vertiefung der Beziehungen zwischen Österreich und Russland auf wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene.

Den Petersburger Dialog hat der russische Präsident Wladimir Putin mit dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2001 initiiert, den Trianon-Dialog mit Frankreich gibt es seit 2017. Für den Sotschi-Dialog mit Österreich ist auf russischer Seite der ehemalige Bildungsminister und der Kreml-Beamte Andrej Fursenko verantwortlich, auf österreichischer Seite Ex-Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl.

"Wissen, woran wir sind"

Vor seinem Stadtspaziergang hatte Van der Bellen mit dem ORF über seine Erwartungen für diesen Besuch gesprochen: "Eine Kräftigung und Vertiefung der bilateralen Beziehungen bringt auch eine Vertiefung der Beziehungen zwischen Russland und der EU. Zudem war ja der US-Außenminister Mike Pompeo in Sotschi. Dieses Gespräch zwischen ihm und Präsident Wladimir Putin wird wohl auch Thema bei unserer Unterredung sein. Ich möchte Putin fragen, wie er die Weltlage einschätzt, die Beziehungen Russlands zu China und die immer kritischer werdenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran."

"Gibt es eine Vertrauenskrise zwischen Russland und Österreich?", lautete eine ORF-Frage an den Bundespräsidenten: "Ich sehe keine grundsätzliche Vertrauenskrise. Wir wissen, woran wir wechselseitig sind."

"Im Unterschied zu anderen politischen Akteuren, right now", so Van der Bellen wohl mit Blick auf US-Präsident Donald Trump. Van der Bellen sagte, "normale Diplomatie" sei, miteinander zu sprechen, sich in die Haut des anderen zu versetzen. Aber: "Es gibt Staaten, die diesen Weg nicht verfolgen, und ich finde das nicht gut." Verhält sich Österreich gegenüber Moskau nicht da und dort zu servil, lautete eine andere Frage an den Bundespräsidenten: "Das finde ich gar nicht. Ich habe auch unsere Freunde in der EU schon darauf hingewiesen, dass Österreich und Russland eine lange gemeinsame Geschichte haben." Diese langjährigen Beziehungen würden ja nicht bedeuten, dass man alles gutheiße: "Man kann auch unangenehme Dinge ansprechen, ohne dass gleich der Kalte Krieg ausbricht."