Beim Pressegespräch beider Präsidenten im lichtdurchfluteten Saal der Residenz am Mittwoch Nachmittag dominierten dann geopolitische Fragen und die derzeitigen Spannungen zwischen den USA und Russland. Putin sagte, er sei offen für ein Treffen auf höchster Ebene – also mit US-Präsident Donald Trump. Die nächste Gelegenheit sei das G20-Gipfeltreffen in Osaka. Iran, Syrien, Afghanistan, Nordkorea, Nukleare Abrüstung – all das seien wichtige Fragen. Putin erinnerte daran, dass das Abrüstungsabkommen Start III 2021 auslaufe, "da brauchen wir auch neue Verhandlungen." Es gebe aber auch Themen im Bereich der Energiestrategie oder bei Rohstofffragen: "Boeing benötigt für die Flugzeugproduktion russisches Titan" – und stellte in den Raum, dass das in den USA offenbar nicht allzu sehr bekannt sei. Nach der Veröffentlichung des Mueller-Reports – der nach der Interpretation Putins gezeigt habe, dass es bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 keine Einmischung Russlands gegeben habe – sei Russland bereit "alle Register zu ziehen", die Beziehungen zu den USA zu verbessern. Van der Bellen und Putin zeigten sich auch unzufrieden mit der Situation der Sanktionen gegen Russland wegen der Annexion der Krim durch Russland. Putin: "Wir sehen ein, dass wir an dieser Situation nichts ändern können, wir sind aber flexibel und suchen Kompromisse."

Wir erleben – zumindest in den letzten Jahren – keine großen Überraschungen (in den Beziehungen zu Russland, Anm.). Keine negativen, aber auch keine positiven, muss ich ehrlich sagen." Gleichzeitig sei aber die Frage zu stellen, "ob es nicht auch im Interesse Russlands wäre, die eine oder andere vertrauensbildende Maßnahme zu setzen" – vor allem im Konflikt mit der Ukraine. Dass Russland derzeit in der Ostukraine russische Pässe verteilt, sei "keine vertrauensbildende Maßnahme". Aber auch auf der ukrainischen Seite würden Maßnahmen getroffen, die zum Beispiel die Einschränkung der Verwendung der russischen Sprache betreffen. "Also ich würde sagen, beide Seiten bleiben einander wenig schuldig", so van der Bellen.

Im ORF-Interview hatte Van der Bellen noch vor seinem Gespräch mit Putin erklärt, es sei zu erwarten, dass Russland nach dem Wechsel im Präsidentenamt (Präsident Petro Poroschenko wurde ja abgewählt, in wenigen Tagen wird Wolodymyr Selenskyj als neuer Präsident angelobt werden) zunächst die Parlamentswahlen in der Ukraine abwartet. Erst danach gebe es wieder Hoffnung auf neue Initiativen. In einem Interview mit der russischen Zeitung "Rossijaskaja Gaseta" hatte Van der Bellen gesagt, dass Österreich die EU-Sanktionen gegen Russland mitträgt: "Österreich ist ein Mitglied der EU und macht zweifelsohne loyal an diesen Maßnahmen (Sanktionen, Anm.) mit. Dies ungeachtet jener Position, die wir in der Tat als die österreichische erachten". Aber selbst, wenn EU und Russland diese wie er "hoffe zeitlich beschränkten Probleme miteinander haben, muss der Dialog weitergeführt werden". Die Sanktionen waren nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und der Rolle Moskaus im Ukraine-Konflikt vor fünf Jahren verhängt worden.

Beim Pressegespräch mit Putin nach dem Treffen vermied Van der Bellen übrigens, die Annexion der Krim als "Annexion" zu bezeichnen sondern flüchtete sich in eine diplomatische Umschreibung. Wien ist offenbar bemüht, Moskau bei Formulierungen entgegenzukommen. In der Ukraine stößt das sauer auf: Ukrainische Diplomaten verweisen immer wieder auf die Parallelen zwischen dem "Anschluss" Österreichs an Hilter-Deutschland im Jahr 1938 und die Annexion der Krim im Jahr 2014. Bis hin zu den nach der Annexion erfolgten Volksabstimmungen in beiden Fällen.