Peking/Wien. "Ein schwerer konterrevolutionärer Aufstand ist heute Nacht in der Hauptstadt ausgebrochen. Die Aufrührer haben Soldaten der Volksbefreiungsarmee brutal angegriffen [...] mit dem ausschließlichen Ziel, die Volksrepublik zu beseitigen und das sozialistische System umzustoßen." So stand es in der "Sonderbekanntmachung" der Pekinger Stadtregierung und des Notstandskommandos vom 4. Juni, 1.30 Uhr, abgedruckt auf der Titelseite des Parteiorgans "Volkszeitung" vom 4. Juni 1989.

Die Staatsführung hatte davor die gewaltsame Räumung des Tiananmen-Platzes in Peking befohlen, wo seit Mitte April Studentinnen und Studenten für die Demokratie und gegen Korruption demonstriert hatten. Das chinesische Rote Kreuz gab die Opferzahl zunächst mit rund 2400 Toten an - der Schweizer Botschafter kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Beide Seiten zogen nach diplomatischem Druck diese Angaben später jedoch zurück.

- © Nisim Harari
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Doch wie kam es zu dieser größten Tragödie der chinesischen Geschichte seit der Kulturrevolution? Die Wirtschaftsreformen von Chinas starkem Mann, Deng Xiaoping, hatten dem Land nach dem Ende der Herrschaft von Mao Zedong ab 1978 einen beispiellosen Aufstieg beschert. Eine populäre Redewendung dieser Ära lautete: In der Zeit von Mao blickten die Menschen in die Zukunft, aber seit der Zeit von Deng schauen sie aufs Geld.

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Doch Ende der 1980er Jahre kochte die Unzufriedenheit hoch: Korruption, Misswirtschaft, Inflation und eine Sehnsucht nach Freiheit mischten sich zu einem für die Nomenklatura gefährlichen Cocktail.

Ein Hauch von Revolte

Als die Macht des kommunistischen Regimes in Europa und der Sowjetunion immer weiter erodierte, begannen auch in Peking Studenten am Platz des Himmlischen Friedens für Demokratie und Reformen zu demonstrieren. Sie nutzten den Tod des beliebten Reformers Hu Yaobang am 15. April 1989 als Anlass für ihre Demonstration - schließlich konnte die Staatsführung offiziell nichts gegen die Trauerkundgebung für einen hochdekorierten Parteikader unternehmen. Am Tiananmen-Platz wurde auch nach dem Ende der Trauerfeierlichkeiten weiterdemonstriert, die Aktivisten richteten sich in einem Zeltlager ein, Studenten der Kunsthochschule errichteten eine Freiheitsstatue aus Kunststoff.

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Am Tianamen-Platz wehte ein Hauch von Revolte: "Der Protest war der Abschied von der alten Ära, aber auch ein Protest gegen die internen sozialen Widersprüche der neuen Ära; für die Studenten und Intellektuellen war es ein Schrei nach Demokratie und Freiheit und für die Arbeiter und Städter ein Appell für soziale Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Facettenreichtum der Forderungen hat den Ruf nach Demokratie verstärkt", schreibt Wang Hui, Universitätsprofessor an der Tsinghua-Universität in seinem Buch "The End of the Revolution. China and the Limits of Modernity". Der Intellektuelle war damals einer der Studenten-Aktivisten am Tiananmen und wurde 1989 für ein Jahr in ein Umerziehungslager gesteckt.

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