Istanbul. Syriens letztes großes Rebellengebiet Idlib erlebt nach Angaben von Helfern die schlimmste humanitäre Katastrophe des achtjährigen Bürgerkriegs. Mehrere oppositionsnahe Gruppen warfen Syriens Regierungstruppen und deren Verbündeten Russland und Iran am Freitag vor, gezielt lebenswichtige Infrastruktur wie Krankenhäuser zu zerstören.

"Das Ausmaß der Verbrechen des Regimes könnte nicht größer sein", sagte der Chef der Rettungsorganisation Weißhelme, Raid al-Salih, vor Journalisten in Istanbul.

Seit Beginn einer neuen Militärkampagne in der Region vor mehr als einem Monat kamen Salih zufolge mehr als 600 Zivilisten ums Leben. Sahid al-Masri vom Bündnis syrischer Nichtregierungsorganisationen erklärte, innerhalb eines Monats seien 25 medizinische Einrichtungen bombardiert und zerstört worden. Ärzte und Krankenhäuser seien seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 die bevorzugten Ziele gewesen.

 Fassbomben und Streumunition

Die Region im Nordwestens Idlibs ist das letzte große Rebellengebiet Syriens. Dominiert wird es von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Sham (HTS). Russland sowie die Türkei als Verbündeter der Rebellen hatten sich auf eine sogenannte Deeskalationszone für das Gebiet geeinigt und auch eine Pufferzone errichtet. Mit Hilfe Russlands begannen Anhänger von Machthaber Bashar al-Assad im vergangenen Monat dennoch Angriffe.

Al-Salih warf den Regierungstruppen und Russland vor, international geächtet Fassbomben und Streumunition in dem Gebiet einzusetzen. "Idlib leidet täglich unter einem Erdbeben", sagte er. Das "Ausmaß der Verbrechen" übersteige alle Vorstellungen.

Den Organisationen zufolge sind in der Region mehr als 300.000 Menschen vor der Gewalt in Richtung der Grenze zur Türkei geflüchtet. Insgesamt leben dort mehr als drei Millionen Menschen, rund die Hälfte davon Vertriebene. Mehr als 200.000 müssten im Freien ohne Schutz ausharren. Die Organisationen kritisierten die internationale Gemeinschaft, die den Blick abwende und nicht genügend Hilfe leiste. (apa/dpa)