"Wiener Zeitung":2024 endet die vierte Amtszeit von Wladimir Putin. Da die russische Verfassung bei Präsidenten nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten zulässt, bedeutet das, dass Putin seinen Platz im Kreml räumen muss - er hat das ja auch vor. Wird es erneut eine Rochade geben wie 2008 mit dem jetzigen Premierminister Dmitri Medwedew? Kommt Putin gar 2030 wieder zurück?

Dmitri Trenin: Letzteres glaube ich nicht. Putin ist immerhin schon 66 Jahre alt. Würde er 2030 noch einmal antreten, wäre er bereits 78 Jahre alt - und am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit 84. So einen Abgang will Putin nicht, da ist er zu stolz dafür. Er wird die Macht übergeben an jemanden, den er für dieses Amt für geeignet hält.

Könnte das wieder Medwedew sein?

Im Prinzip ja. Die Situation wäre aber grundlegend anders als zwischen 2008 und 2012, als Medwedew amtierte. Der war damals als Präsident eine Art Platzhalter für Putin. Der, der 2024 in den Kreml einziehen wird, wird kein Platzhalter mehr sein.

Könnte die Machtübergabe so ablaufen wie in Kasachstan, wo Ex-Präsident Nursultan Nasarbajew zwar zurückgetreten ist, allerdings weiterhin großen Einfluss hat?

Ich glaube nicht, dass Kasachstan für Putin ein Modell ist. Ich denke, Putin wird nach einem Kandidaten Ausschau halten, der einer jüngeren Generation angehört. Er selbst wird als eine Art Garant für Stabilität im Hintergrund agieren.

Charismatische junge Männer stehen derzeit ja hoch im Kurs, wenn man etwa an Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, Kanadas Premier Justin Trudeau oder auch an Österreichs Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz denkt. Wäre ein russischer Kurz denkbar?

Ein etwa Dreißigjähriger als Kreml-Chef wäre kaum vorstellbar. Er würde nicht als jemand angesehen werden, der in der Lage wäre, Russland zu regieren. Russland ist ein sehr komplexes Land. Um es zu regieren, brauchen Sie viel Erfahrung. Ein Dreißigjähriger wäre da zu jung.

Wie müsste diese Person beschaffen sein?

Sie sollte selbstverständlich jünger sein als Putin. Sie sollte energisch sein. Und sie muss populär sein. Das ist in Russland noch wichtiger als in westeuropäischen Demokratien.

Warum eigentlich, wo Russland doch die Lenkungsmöglichkeiten eines autoritären Systems hat? Braucht es da wirklich hohe Popularität?

Ja. Weil das russische System auf dem Charisma des Staatschefs aufgebaut ist. In westlichen Ländern wie etwa den USA hat die Verfassung einen besonderen Rang. Sie ist "heilig", kommt sozusagen gleich nach der Bibel. Der russischen Verfassung fehlt dieser Glorienschein. Obwohl sie eine gute Verfassung ist. Sie wurde nur, könnte man sagen, für ein anderes Land verfasst. Für ein Land, in dem das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen groß ist. Für Deutschland wäre sie passend. Für Russland nicht. Die Institutionen genießen bei uns keinen guten Ruf. Das Funktionieren des Systems hängt von der Popularität und dem Grad an Vertrauen ab, das die Führungsfigur in der Bevölkerung genießt. Das Charisma des Präsidenten, nicht das Vertrauen in die Institutionen hält das Land zusammen. Putin war in der Lage, das autoritäre russische Regime durch sein Charisma zu legitimieren. Er erreichte die einfachen Leute. Das ist Medwedew nie gelungen. Putin könnte also nach jemand anderem Ausschau halten.