Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, in Russland ein System wie im Westen zu installieren - oder würde das, wie manche sagen, nur zu Chaos führen?

Das schlimmste, was Russland politisch passieren könnte, wäre Chaos. Putin würde alles daransetzen, damit es - etwa bei seiner Machtübergabe - nicht dazu kommt. Auch um das zu verhindern, baut er jetzt eine neue Generation russischer Politiker auf. Putin ist der erste russische Präsident, der seine eigene Amtsübergabe vorbereitet. Vor etwa drei Jahren hievte er ein paar jüngere Leute in wichtige Positionen. In Russland können Sie heute als unter 40-Jähriger Wirtschaftsminister werden. Präsident nicht, das wäre zu früh, aber für einen Minister ist das ein gutes Alter. Es gibt auch genug Gouverneure in den Regionen, die unter 40 sind. Putin hält Ausschau nach jüngeren Leuten, nach Politikern, die im Jahr 2024 in der Lage sind, das Ruder zu übernehmen. Er sucht junge Technokraten, testet Nachfolgekandidaten. Wobei der Posten eines Gouverneurs eine bessere Startposition auf dem Weg in den Kreml ist als der eines Ministers.

Weil ein Gouverneur für eine Region voll verantwortlich ist?

Das auch. Er ist sozusagen ein kleiner Zar. Vor allem aber hat er mit den Menschen zu tun. Minister haben das nicht, auch Parlamentsabgeordnete nicht.

Ein anderes Thema: Russland hat als Gegengewicht zum Westen eine starke Eurasische Union bilden wollen. Geworden ist daraus bis heute nicht allzu viel. Warum?

Erstens konnte Putin die Ukraine nicht in diese Union einbinden. Und zweitens ist es ihm nicht gelungen, diese Eurasische Wirtschaftsunion zu einer vollen Union zu machen. Sie ist eigentlich nur eine Art Wirtschaftsunion - oder, wie viele Experten meinen, nicht einmal das, sondern nur eine Zollunion. Eine noch dazu, die nicht sehr groß ist, die, was die Bevölkerungszahl betrifft, nur unwesentlich größer ist als Russland. Die Ukraine wäre für das Projekt wichtig gewesen. Putin hat geglaubt, dass man für einen ernsthaften Wirtschaftsblock wenigstens 200 Millionen Menschen benötigt. Mit der Ukraine wäre sich das knapp ausgegangen.

Hätte Russland von einer solchen Union überhaupt profitiert?

Ich glaube nicht. Die Ukraine hätte, wenn sie Teil dieser Union geworden wäre, Russland sehr, sehr viel abverlangt. Und Russland hätte diesen Wünschen nachgeben müssen. Kiew wäre trotzdem nicht zufrieden gewesen, Moskau hätte nachgeben und immer wieder nachgeben müssen, hätte mehr und immer noch mehr hergeben müssen. Und am Ende des Tages hätte die Ukraine gesagt: Ihr habt es ohnehin nur für euch getan, um uns an euch zu binden. Wir aber gehören woandershin, wir sind Europäer, und ihr gehört nach Asien.