Dann kann Russland also zufrieden sein, dass die Ukraine nicht Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion ist?

Ja. Für Russland ist es viel besser, dass es einfach nur Russland ist. Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren, nicht auf andere. Ich bin glücklich, dass die Ukraine nicht mehr Russlands Problem ist. Sie ist nun das Problem von jemand anderem.

Ist der Westen für Russland eigentlich ein Feind?

Nein, nein. Das ist ein zu starkes Wort. Selbst in der schwierigsten Phase des Kalten Krieges sprach etwa das US-Militär von der Sowjetunion nur als "Gegner", nicht als Feind. Die USA sind für Russland ein Rivale. Das russische Militär würde sie als einen Gegner bezeichnen - schließlich sind die Waffensysteme auf beiden Seiten aufeinander gerichtet.

Wie denkt man im Kreml über die EU?

Anders als über die USA. Russlands Verhältnis zu Europa ist zwar nicht gerade von Partnerschaft geprägt. Aber doch von Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich. Es gibt aber einen Gegensatz im gesellschaftspolitischen Bereich. Dinge wie die Homosexuellenehe oder die Ansicht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, will man nicht übernehmen. Dazu ist die russische Gesellschaft einfach zu konservativ. Auch das Verhältnis zur Religion ist ein anderes. Dieses liberale Europa wird nicht als Modell für die eigene Entwicklung angesehen.

Und wenn Europa konservativer wäre?

Dann wäre es möglicherweise anders. Das Westeuropa aus den Tagen des französischen Staatspräsidenten Charles De Gaulle und des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, ein Europa, das es so ja nicht mehr gibt - dieses Europa böte für Russland wohl immer noch ausreichend Orientierung für seinen eigenen Weg.

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist heute bekanntlich schlecht. Es wird mit dem im Kalten Krieg verglichen. Welche Fehler wurden gemacht?

Ich denke, es gab im Wesentlichen zwei Fehler. Einen hat der Westen begangen, einen Russland. Der Fehler des Westens war, dass er die Folgen der Nato-Osterweiterung unterschätzt hat. Sie bedeutete ja auch eine Erweiterung des Einflusses des Westens. Dabei ist man über russische Sicherheitsinteressen hinweg gegangen. Wenn Sie jemanden ignorieren - noch dazu eine ehemalige Supermacht - dann wird sich dieser jemand gegen Sie richten. In den 1990er Jahren überwog auf beiden Seiten noch die Freude über das friedliche Ende des Kalten Krieges. Im Westen wollte sicher niemand Russland zum Gegner haben. Doch die Aktionen, die man gesetzt hat - mit der Nato-Osterweiterung oder dem Kosovo-Krieg - haben zu dieser Rivalität geführt.

Und Russlands Fehler?

Der bestand darin, die Wichtigkeit der Nato-Osterweiterung zu überschätzen. Ein Grund dafür war die Angst, die man aus geschichtlichen Gründen hatte. Hitler hatte dereinst seinen Überfall auf die Sowjetunion von Brest und Königsberg aus gestartet. Heute lägen, meinen manche, die "Startpositionen" direkt vor St. Petersburg in Estland und möglicherweise in der prowestlich regierten Ukraine. Vergessen wird dabei, dass Geografie heute keine so wichtige Rolle mehr spielt. Sie können heute in Florida oder Washington D.C. sitzen und die halbe Welt in die Luft jagen.