Jajo blättert weiter: Z.B.D.M., geboren 1936, weiblich aus Karakosch (20 km Luftlinie südöstlich von Mosul): Die drei Seiten umfassende Zeugenaussage ist in einer fünf Absätze umfassenden Punktation zusammengefasst: 1. Physische Gewalt und Folter. 2. Psychische Gewalt - Schlimmer als die Physische. 3. Zwang zum Übertritt zum Islam durch Gewalt und Drohungen. 4. Raub des gesamten Geld- und Goldbesitzes. 5. Isolation von den Eltern und Verwandten, Leben unter schrecklichen Bedingungen.

Die Ringordner sind alle voll mit diesen Berichten: in den roten Ordnern Fälle aus Karakosch, in den blauen Fälle aus Mosul.

Die Zusammenfassungen der Gedächtnisprotokolle sind schlimm genug, wenn man die protokollierten Aussagen liest, wird der ganze Horror, den die Menschen unter der IS-Herrschaft erleiden mussten, deutlich: K.M.A.Y., Geburtsjahr: 1984. Geschlecht: Weiblich. Region: Mosul. Datum der Tat: 6. Juni 2014. Täter: ISIS. "Als die Terrorgruppe Islamischer Staat - Daesh - im Irak am 9. Juni 2014 Mosul nahm, hatten wir ein Gefühl von Angst und Verzweiflung.

Mein Mann war verschwunden. Ich ging in eines der Büros des Islamischen Staates in Mosul und fragte nach meinem Mann. Der Verantwortliche dort sagte mir, dass mein Mann nicht in der Gewalt des IS sei und sie auch nichts über ihn wüssten.

Der Mann dort fragte mich nach meinem Namen. Er sah, dass sich ein Kreuz-Tatoo auf meiner Hand hatte. Ob ich denn Christin sei? Ich sagte: ,Ich bin auf der Suche nach meinem seit drei Monaten vermissten Mann.‘

Was dann geschah, war, dass ich in die Al Yarmouk-Schule verschleppt wurde, wo bereits andere junge Frauen und Mädchen waren. Sie haben je rund 30 Mädchen in jede der insgesamt zwölf Klassen gesperrt. Die Mehrzahl der Mädchen waren Jesidinnen und Christinnen. Drei Dschihadisten bewachten uns ständig. In jeder Pause gaben sie uns etwas zu essen.

In eine der schlimmsten Nächte kamen drei fremde IS-Dschihadisten - deren Sprache wir nicht verstanden - in das Zimmer, in das sie uns gesperrt hatten. Sie suchten sich drei Mädchen aus. Mich, L., ein elfjähriges jesidisches Mädchen und A., ein anderes christliches Mädchen. Sie haben uns gezwungen, mit ihnen Sex zu haben. Wir haben uns gewehrt und wir haben sie angefleht, aber es war alles umsonst.

Acht Terroristen haben mich vergewaltigt. Diese Nacht war die schlimmste. Sie haben mir meine Würde genommen und mir das Leben zur Hölle gemacht."

K.M.A.Y. schildert in dem Protokoll, dass sie schließlich in Erfahrung bringen konnte, dass ihr Ehemann A.A.S. von den Schergen des Islamischen Staaten hingerichtet worden war. Seine Leiche hat man in den Euphrat geworfen. Einer der Wächter war aus derselben Nachbarschaft in Mosul, aus Yarmouk. Nachdem sie ihm verraten hatte, wo er bei ihr zuhause Gold und Wertgegenstände finden konnte und dafür gesorgt hatte, dass ihre Nachbarin ihm den Schlüssel zu ihrer Wohnung gab, hat der Wächter ihr zur Flucht verholfen: "Am nächsten Morgen stieg ich in einen von drei Bussen, jeder war mit rund 30 Passagieren besetzt. Die Busse fuhren mitten in der Nacht zu einer unbekannten Destination." Nach einigen Umwegen kam K.M.A.Y. daheim an: "Schließlich nahm ich ein Taxi nach Hause. Zu Hause sah ich dann meine zwei Kinder. Ich hab sie ganz fest umarmt. Danach habe ich wieder A. gebeten, mich aus Mosul in eine sichere Gegend zu bringen." Bei der Flucht aus dem vom IS besetzten Mosul ins Kurdengebiet mit ihrer Tochter M. und ihrem Sohn H. verlor sie bei einer Massenpanik in der Nähe der Grenze zum Kurdengebiet ihren Sohn aus den Augen. Sie hat bis heute nichts mehr von ihm gehört: "Heute lebe ich ständig voller Nervosität und Angst und Depression, weil ich meinen Sohn und meine Ehre als Mensch verloren habe."