Hongkong. Hundertausende Menschen gingen in Hongkong auf die Straße, und es war nicht vergeblich. Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam verkündete am Samstag, dass das umstrittene Auslieferungsgesetz ausgesetzt wird. Es hätte Hongkongs Behörden erlaubt, von China verdächtigte und gesuchte Personen an die Volksrepublik auszuliefern. Kritiker bemängelten, dass Chinas Justiz nicht nicht unabhängig sei und als Werkzeug der politischen Verfolgung dient.

Schon am vergangenen Wochenende demonstrierten nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen Hunderttausenden und einer Million Hongkonger gegen das Vorhaben der Regierung. Am Mittwoch kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten, die offiziell als "Aufruhr" eingestuft wurden. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas, Schlagstöcke, Wasserwerfer und Pfefferspray gegen die Demonstranten ein.

Angesichts der Proteste und Ausschreitungen verschob das nicht frei gewählte Parlament seine Beratungen über das Gesetz. Ursprünglich sollte die Peking treu ergebene Parlamentsmehrheit das Gesetz am kommenden Donnerstag endgültig beschließen.

Die Demonstration am vergangenen Sonntag war nach Einschätzung von Beobachtern die größte in Hongkong seit dem Protest gegen die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking vor drei Jahrzehnten am 4. Juni 1989.

Die Unruhen in Hongkong erinnerten auch an die "Regenschirm"-Bewegung vor fünf Jahren. Damals hatten Demonstranten mit ihrem Ruf nach mehr Demokratie in Hongkong über Wochen Teile der asiatischen Wirtschafts- und Finanzmetropole lahmgelegt. Das Auslieferungsgesetz, das viele als "Werkzeug zur Einschüchterung" ansehen, hat diesmal sogar noch mehr Hongkonger mobilisiert.

Die frühere britische Kronkolonie wird seit der Rückgabe 1997 an China nach dem Grundsatz "ein Land, zwei Systeme" als eigenes Territorium autonom regiert. Anders als die Menschen in der Volksrepublik genießen die Hongkonger nach dem Grundgesetz der chinesischen Sonderverwaltungsregion das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. (apa/dpa)