Istanbul/Kairo. Für Recep Tayyip Erdogan ist die Sache klar: Mohammed Mursi, der ehemalige Präsident Ägyptens, der 2012 die erste demokratische Wahl in dem Land am Nil gewonnen hatte und ein Jahr später vom Militär weggeputscht wurde, wurde physisch beseitigt. "Er wurde ermordet, er starb keines natürlichen Todes", sagte der türkische Präsident am Mittwoch in Istanbul. Nach seinem Zusammenbruch vor Gericht in Kairo habe Mursi 20 Minuten am Boden liegend um sein Leben gerungen, ohne dass die Behörden etwas zu seiner Rettung unternommen hätten. Erdogan forderte in seiner Rede, Ägypten wegen des Falls vor ein internationales Gericht zu bringen.

Der türkische Präsident hatte während Mursis kurzer Amtszeit enge Kontakte zu dem islamistischen ägyptischen Staatschef gepflegt. Die Beziehungen zu Mursis säkular orientiertem Nachfolger Abdel Fattah al-Sisi sind deutlich weniger eng: Die Türkei hat ihre Kontakte nach Ägypten praktisch abgebrochen. Am Dienstag hatte Erdogan mit tausenden Menschen in Istanbul eine Trauerfeier für den "Märtyrer" Mursi abgehalten und den "Tyrannen" al-Sisi für seinen Tod verantwortlich gemacht. Dem Westen warf der türkische Präsident vor, "dem Sturz Mursis durch einen Putsch, seinem Leiden im Gefängnis und seinem Tod" tatenlos zugesehen zu haben.

Ägypten wehrte sich am Mittwoch gegen internationale Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Tod Mursis. Dem Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen warf Kairo vor, den Tod des Ex-Präsidenten für politische Zwecke zu nutzen. Die Forderung aus Genf nach einer unabhängigen Untersuchung der Todesumstände sei ein "Versuch, eine natürliche Todesursache absichtlich zu politisieren", sagte der ägyptische Außenamtssprecher Ahmed Hafez. Das UN-Büro in Genf ziehe "voreilige Schlüsse", die nicht auf Beweisen zur Gesundheit Mursis vor seinem Tod beruhten.

Die Vereinten Nationen hatten am Dienstag eine sofortige Untersuchung des Falles gefordert. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte eine "unabhängige, gründliche und transparente Untersuchung" von Mursis Tod. Mursis Partei Freiheit und Gerechtigkeit - der politische Arm der Muslimbruderschaft - warf den Behörden "Mord" vor.

Der seit seinem Sturz 2013 inhaftierte Mursi war am Montag während einer Gerichtsanhörung zusammengebrochen und gestorben. Das Staatsfernsehen berichtete, Mursi sei an einem Herzinfarkt gestorben. Am Dienstagmorgen wurde er in Kairo im engsten Kreis beigesetzt. Laut einem Bericht des britischen "Independent" lag Mursi in einem Käfig im Gerichtssaal mehr als 20 Minuten zusammengesackt am Boden, ehe Ärzte ihn abtransportierten. Statt ihm zu helfen, hätten Wächter erst die Familienangehörigen aus dem Saal gebracht, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Augenzeugen. Die Hilferufe anderer Gefangener innerhalb der Zelle im Saal seien lange ignoriert worden. Mursis Familie zufolge litt der ehemalige Spitzenpolitiker an Diabetes. Sie werfen den ägyptischen Behörden vor, ihn nicht angemessen medizinisch versorgt zu haben.