Miami. Warnung oder Omen, das ist die Frage. Seit Wochen geistert durch die sozialen Medien der USA ein vier Jahre altes Umfrageergebnis, an das sich in normalen Zeiten kein Mensch mehr erinnern würde. Mit den normalen Zeiten - beziehungsweise dem, was man dafür hielt - ist es seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten freilich politisch wie zivilgesellschaftlich vorbei, und so schaut man heute mit ganz anderen Augen auf die Welt. Durchgeführt und veröffentlicht wurde besagte Umfrage im Juni 2015 von dem Fernsehsender NBC und dem "Wall Street Journal". Seinerzeit gab es nur einen einzigen Mann, der sich bei der Bewerbung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei für die Nachfolge Barack Obamas deutlich vom Rest des Felds abgesetzt hatte.

Sein Name lautete Jeb Bush, Gouverneur von Florida sowie Bruder von Ex-Präsident George W. und Sohn von George H. Bush. Mit 22 Prozent lag Jeb Bush signifikant vor seinem nächsten Widersacher, dem damaligen Tea-Party-Liebling und Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker (17 Prozent). Mehr oder weniger dicht dahinter: eine kurz zuvor vom "Time Magazine" als "personifizierte Zukunft der Republikanischen Partei" dargestellte Nachwuchshoffnung namens Marco Rubio (Senator von Florida, 14 Prozent) und ein Außenseiter, der noch nie ein politisches Amt innehatte, aber aufgrund seiner eindrucksvollen Biografie als ehemaliger Gehirnchirurg und extrem konservativer Ansichten als Geheimfavorit galt: Ben Carson (elf Prozent).

Am extremen unteren Ende der Skala fand sich ein gewisser Donald Trump, dem die Umfrage eine Wählerunterstützung von einem Prozent bescheinigte. Eineinhalb Monate nach Veröffentlichung dieser Zahlen fand in der Quicken Loans Arena zu Cleveland, Ohio, die erste Fernsehdebatte der republikanischen Kandidaten statt - und die Geschichte nahm ihren Lauf.

Nun hatten amerikanische Vorwahlkämpfe schon immer ihre eigene Dynamik. Trotzdem sind die Parallelen zu 2015, als binnen eines halben Jahres zuerst die konservative Politikwelt und dann die des Landes auf den Kopf gestellt wurde, zu dem, was sich vier Jahre später in der liberalen Reichshälfte abspielt, nicht von der Hand zu weisen.

Wegen der vielen Kandidaten treten zwei Gruppen an

Wirklich seriös lässt sich die Situation entsprechend nur so zusammenfassen: Niemand hat zum jetzigen Zeitpunkt auch nur irgendeine Ahnung, wie es am Ende ausgehen wird. Was den Druck für die einen erhöht - konkret für den demokratischen Ex-Vizepräsidenten und Umfragekaiser Joe Biden - und zeitgleich seine fast zwei Dutzend Konkurrenten Hoffnung schöpfen lässt: dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ihr Stern aufgeht.