Osaka. (rs) Die Gewaltexzesse beim G20-Gipfel im Hamburg 2017 sind vielen noch gut in Erinnerung: das brennende Schanzenviertel, Randalierer in Schwarz, überfordert wirkende Polizisten. Solche Bilder wird es vom am Freitag beginnenden G20-Gipfel in Osaka nicht geben. Denn mit rund 32.000 Mann sind nicht nur drei Mal so viele Sicherheitskräfte wie vor zwei Jahren in der Hansemetropole im Einsatz. Das Gastgeberland Japan hat auch kaum eine Protestkultur. In den Jahrzehnten nach den Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen hätten sich öffentliche Proteste zum gesellschaftlichen Tabu entwickelt, erklärt der Politikwissenschafter Koichi Nakano von der Sophia University in Tokio.

Ein ruhiger Gipfel wird das Zusammentreffen der Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer aber dennoch nicht werden. Denn das G20-Format steckt in einer tiefen Krise, die den Geist des ersten derartigen Treffens im Jahr 2008 fast vollständig fortgespült hat. Damals, auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise, galten die G20 als hoffnungsvolles Symbol einer multipolaren Weltordnung, in der Industrie- und Schwellenländer gemeinsam die Probleme der Welt angehen. Heute dominieren dagegen politische Egoisten die Bühne. Wichtige Mitglieder wie US-Präsident Donald Trump oder Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro verfolgen erklärtermaßen nur die eigenen Interessen. "Die Botschaft, dass der Multilateralismus lebt, wird eine Herausforderung sein", hieß es vor dem Osaka-Gipfel aus dem Umfeld der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Bezeichnend für die Krise des Multilateralismus ist auch, dass in Osaka die drängendsten Themen wohl bilateral am Rande besprochen werden. Das beherrschende Thema dürfte das Spitzentreffen der beiden mächtigsten G20-Teilnehmer am Samstag werden: US-Präsident Trump und Chinas Präsident Xi Jinping. Sie wollen mit einer Art Burgfrieden und dem vorläufigen Verzicht auf die angedrohten zusätzlichen US-Zölle Bewegung in den festgefahrenen Handelsstreit bringen, der die ohnehin schwächelnde Weltwirtschaft schon seit Monaten belastet. Dies erfolgt allerdings nicht im Rahmen der G20 - hier geht es eher um einen Alleingang der "G2" USA und China.

Verhärtete Fronten

In vorwiegend bilateralen Gesprächen am Rande des Gipfels dürfte auch die brandgefährlich hochgekochte Krise um den Iran besprochen werden. Viele Staatenlenker mit Einfluss in der Region sind in Osaka mit dabei - aus Russland, den USA, Saudi-Arabien und der Türkei. So ist für Freitag das erste Treffen zwischen Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin seit fast einem Jahr geplant, bei dem es neben dem mutmaßlichen Hauptthema Iran wohl auch um Nordkorea gehen wird.

Die Krise der G20 wird aber nicht nur dadurch offensichtlich, dass die wichtigsten Themen im kleinen Kreis in den Hinterzimmern besprochen werden. Nie zuvor waren auch die Fronten zwischen den Multilateralisten - also den Europäern, Kanada und Japan - und Ländern wie den USA so verhärtet wie derzeit. So ist auch diesmal mehr als fraglich, ob Trump das Bekenntnis zu Freihandel und die Ablehnung von Protektionismus im gemeinsamen Abschlusskommuniqué akzeptieren wird. Im vergangenen Jahr musste eine entsprechende Passage in der G20-Erklärung auf Druck der US-Regierung gestrichen werden.

Streit ums Klima

Streit mit Trump dürfte es auch beim Klimaschutz geben. So will Frankreichs Präsident Emmanuel Macron offenbar keine G20-Erklärung unterzeichnen, in der das Pariser Klimaschutzabkommen nicht vorkommt. Der US-Präsident, der die USA aus dem als historisch geltenden Vertrag hinausgeführt hat, dürfte sich gegen eine entsprechende Erwähnung aber wohl massiv sträuben. EU-Diplomaten zufolge soll es daher schon eine Debatte geben, ob man nicht lieber ein Kommuniqué ohne die USA unterzeichnen sollte, statt die Abschlusserklärung auf Druck Washingtons zu verwässern.

Wie notwendig ein Zusammenarbeiten der wichtigsten Industrie- und Schellenländer wäre, um die großen globalen Probleme zu lösen, macht aber nicht zuletzt das Klimathema deutlich. Denn die in Osaka vertretenen Länder stehen nicht nur für zwei Drittel der Weltbevölkerung, 80 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und drei Viertel des Welthandels. Die G20-Staaten sind auch für fast 80 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich.