Istanbul. (afp) Ahmad Yassin arbeitete in seinem Friseursalon im Istanbuler Stadtteil Kücükcekmece, als sich vor dem Fenster eine wütende Menschenmenge bildete. Als sie auf mehrere hundert Leute angeschwollen war, griff die Menge seinen Salon und die Geschäfte anderer Syrer an. "Sie haben Steine geworfen, die Scheibe ist komplett zersprungen", erzählt der junge Mann, der vor sechs Jahren aus dem syrischen Aleppo geflohen ist. "Wir hatten Angst. Erst um Mitternacht haben wir uns rausgetraut."

Die Ausschreitungen in dem Istanbuler Arbeiterviertel Ende Juni sind Ausdruck der wachsenden Spannungen zwischen Türken und Syrern. Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkriegs in dem Nachbarland mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land der Welt. Allein in Istanbul leben 500.000 Syrer, im ganzen Land sind es 3,6 Millionen. Doch während die "Gäste" zu Anfang noch herzlich aufgenommen wurden, wächst inzwischen der Unmut, da klar ist, dass die meisten Syrer so bald nicht wieder zurückgehen werden.

"Hier ist die Türkei,
hier ist Istanbul"

Die Wirtschaft in der Türkei steckt in der Krise. Mehr als 4,5 Millionen sind ohne Job, mit knapp 15 Prozent ist die Arbeitslosenrate auf einem Zehn-Jahres-Hoch. Viele Türken sehen die Syrer als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt an. Laut einer neuen Studie der Kadir Has Universität sind 67,7 Prozent der Türken unzufrieden über die syrische Präsenz. 2017 waren es noch 54,5 Prozent.

In Kücükcekmece begannen die Unruhen mit einem Gerücht, wonach ein junger Syrer ein türkisches Mädchen belästigt habe. Obwohl die Polizei das Gerücht dementierte, gelang es ihr erst unter Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas, die Menge aufzulösen. Noch zehn Tage später sind viele Scheiben mit Klebestreifen notdürftig geflickt, während Ladenschilder abgerissen sind. Einwohner sagen, dass es im Viertel noch nie solche Unruhen gegeben habe.

Auch das Restaurant von Esat Sevim wurde verwüstet. Zwar ist er Türke, doch beschäftigt er syrische Arbeitskräfte. "Wenn man eine tote Katze auf der Straße findet, wird irgendjemand sagen, dass ein Syrer sie getötet habe. Wir müssen aufhören, sie zu Sündenböcken zu machen", sagt er. Doch der türkische Arbeiter Murat sieht in den Syrern den Grund, "dass unsere Jugendlichen keine Arbeit finden". Er will, dass "die Syrer nach Hause gehen".

Der Wahlkampf für die Bürgermeisterwahl im Juni hat das Klima in Istanbul zusätzlich angeheizt und die Spannungen verschärft. Der Oppositionskandidat und spätere Wahlsieger Ekrem Imamoglu äußerte sich wiederholt kritisch zu den Syrern. In den sozialen Netzwerken breitete sich der Hashtag #SyrerRaus aus. Nach seiner Wahl zum Bürgermeister kritisierte Imamoglu zudem, dass es in Istanbul viele Geschäftschilder auf Arabisch statt auf Türkisch gebe. "Hier ist die Türkei, hier ist Istanbul", sagte der Politiker, der sonst für seine einigende Rhetorik gelobt wird.

Auch der Staatschef
setzt nun auf Härte

Unter dem Druck der Opposition hat Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Kurswechsel vollzogen und setzt statt auf "muslimische Solidarität" inzwischen auf Härte. So verkündete Innenminister Süleyman Soylu kürzlich, dass in Istanbul künftig keine weiteren Syrer registriert würden. Der Gouverneur der Metropole teilte zudem mit, mehr als 700 syrische Geschäftsleute angewiesen zu haben, ihre arabischen Ladenschilder auszutauschen.

Viele Türken in Kücükcekmece sprechen sich aber für Solidarität mit den Syrern aus und relativieren die Bedeutung der Unruhen. "Wenn sie keine Syrer wollen, sollen sie eine Petition starten und sich an unseren Präsidenten wenden. Zerstören und verwüsten hilft nicht weiter", meint der Gemüsehändler Ahmet, der sich während der Ausschreitungen als der Besitzer eines syrischen Ladens ausgegeben hatte, um das Geschäft zu schützen.

Angesichts der aufgeheizten Stimmung befürchtet er aber, dass es künftig noch mehr Gewalt gibt. "Dieses Mal haben sie nur mit Steinen angegriffen", sagt Ahmet. "Aber wer weiß, vielleicht greifen sie eines Tages mit Waffen an?"