Wien. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA/IAEO) in Wien, Yukiya Amano, ist tot. Der Japaner wurde 72 Jahre alt. Amano leitete die IAEA seit knapp zehn Jahren.

Die Behörde spielt weltweit eine entscheidende Rolle bei der Überwachung der friedlichen Nutzung der Kernenergie. So überprüft sie seit 2016 mit strengen Kontrollen die Einhaltung der Auflagen des Atomabkommens mit dem Iran.

Amano hatte in letzter Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Jüngst hatte er nach Angaben von Diplomaten einen vorzeitigen Rücktritt im März 2020 anvisiert. Seine dritte Amtsperiode wäre erst im November 2021 ausgelaufen. Die IAEA-Flagge am UNO-Gebäude in Wien werde auf halbmast gesetzt, teilte die Behörde mit.

Sachlich und unaufgeregt

Strikte Sachlichkeit war Amanos Programm. Er war so etwas wie die Verkörperung der Unaufgeregtheit. Leise und stets in sachlichem Ton trat er auf. Das galt auch in der aktuell härtesten Bewährungsprobe der Behörde: der Überwachung des laut Abkommens rein zivilen Charakters des iranischen Atomprogramms. Amano wusste, dass die Behörde ihre Aufgabe nur durch strikte Unparteilichkeit erfüllen kann. Die Partner des Abkommens - Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland - sowie die 2018 ausgestiegenen USA schauten äußerst genau auf die Prüfergebnisse der IAEA.

Amano hatte Ende 2009 die Nachfolge von Mohammed ElBaradei angetreten, der für sich und seine Behörde den Friedensnobelpreis geholt hatte. Unter Amano rückten auch IAEA-Aufgaben in den Vordergrund, die vorher kaum öffentlich wahrgenommen worden waren. Amano sprach vermehrt über die Chancen der Nuklearenergie bei der Bekämpfung von Krebs oder Hunger. Schon früh kündigte er an, die Behörde zwischen ihren beiden Aufgaben - der Überwachung und der Förderung der Nutzung von Atomenergie - ausbalancieren zu wollen.

Fukushima als "Weckruf"

Für den Japaner, in seiner Funktion einer der weltweit wichtigsten Fürsprecher der Atomenergie, war das Unglück im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi in seinem Heimatland Japan ein "Weckruf". Dort war es im März 2011 nach einem Erdbeben zu einer Kernschmelze gekommen. 2012 sagte er der Deutschen Presse-Agentur, seitdem sei die Atomenergie noch sicherer geworden, auch wenn Unglücke wie in jeder Industrie nie ganz auszuschließen seien. Er wies weiters darauf hin, dass menschliches Versagen in Fukushima eine entscheidende Rolle gespielt habe.

Der 1947 in der Küstenstadt Yugawara geborene Amano hatte in Tokio Jus studiert und trat 1972 in die Dienste des japanischen Außenministeriums ein. Als Experte für Atomfragen führte er viele internationale Verhandlungen zur nuklearen Abrüstung und war als Diplomat unter anderem in Washington und Brüssel tätig. Seit 2005 war er Japans IAEA-Botschafter.

Sein Mandat als IAEA-Chef wäre noch bis 2021 gelaufen. Vor gut zwei Wochen hatte er bei einer Dringlichkeitssitzung des Gouverneursrats gefehlt, bei der über Verstöße des Irans gegen das Abkommen beraten wurde. Bereits im September 2018 hatte er wegen eines medizinischen Eingriffs zwei wichtige Treffen der Behörde verpasst.

Van der Bellen zeigt sich betroffen

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat sich vom Tod von Amano betroffen gezeigt. "Mit Yukiya Amano verlieren die internationale Gemeinschaft und der Amtssitz Wien eine wichtige Persönlichkeit im Kampf um den nuklearen Frieden", hieß es in einer Aussendung vom Montag.

"Unter seiner Führung leistete die IAEO wesentliche Beiträge zu mehr Sicherheit in dieser Welt und hatte in Bezug auf das Atomabkommen mit dem Iran eine maßgebliche Rolle. Mein Mitgefühl ist in diesen Stunden bei seiner Familie und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der IAEO", betonte Van der Bellen. (apa, dpa)