Washington. Als Barack Obama 2008 zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt wurde, glaubten viele an einen Wendepunkt in einem Land, das unter dem historischen Eindruck der Sklaverei steht. Und doch stehen ein gutes Jahrzehnt später die Rassenspannungen im Mittelpunkt des US-Wahlkampfs für die Präsidentschaftswahl 2020.

Die momentane Polarisierung der Gesellschaft zeige, dass die Wahl eines schwarzen Präsidenten "kein Allheilmittel" zur Lösung der seit jeher existierenden amerikanischen Rassenprobleme sei, sagt Andra Gillespie, Politikwissenschaftlerin an der Emory Universität.

US-Präsident Donald Trump scheut nicht davor zurück, die Rassenspannungen zu seinem politischen Vorteil zu nutzen. Für seine Wiederwahl 2020 setzt er vor allem auf seine mehrheitlich weiße Anhängerschaft. Dass er damit Erfolg hat, kommt für Jake Neiheisel, Politikwissenschaftler an der Universität Buffalo, aus historischer Sicht nicht überraschend: "Wenn man sich in eine Richtung bewegt, wird es irgendwann eine Gegenbewegung geben."

Trump bricht Normen

1865 wurde die Sklaverei abgeschafft, in den Folgejahren wurden die Schwarzen in die amerikanische Gesellschaft integriert. Doch ihre neuen Rechte waren nur von kurzer Dauer. Mit den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen wurde die systematische Diskriminierung schwarzer US-Bürger bis in die 60er-Jahre festgeschrieben. Erst mit dem Bürgerrechtsgesetz ("Civil Rights Act") wurde dem 1964 ein Ende gesetzt.

Seitdem sind US-Politiker in der Regel vorsichtig mit Äußerungen, die als rassistisch aufgefasst werden könnten - nicht jedoch Trump. Seit der Bürgerrechtsbewegung verstoße es gegen die Norm, "offenkundig rassistische Dinge zu sagen", sagt Celeste Montoya, Expertin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität von Colorado. "Donald Trump hat mit dieser Norm gebrochen."

Politisch in Erscheinung trat Trump vor einigen Jahren erstmals mit seiner Verschwörungstheorie zum den Geburtsort des damaligen US-Präsidenten Obama: Er behauptete, Obama sei nicht in den USA geboren und dürfe deshalb gar nicht Präsident sein.

Attacke gegen schwarze Abgeordnete

Seinen Wahlkampf 2016 startete Trump mit heftigen Verbalangriffen auf Einwanderer. 2017 sagte er über die Auseinandersetzungen zwischen Neo-Nazis und Gegendemonstranten in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia, es gebe auf beiden Seiten "sehr feine Menschen".

Vor wenigen Wochen startete er eine neue Attacke, diesmal gegen vier dunkelhäutige weibliche Abgeordnete der Demokraten, die er dazu aufrief, in ihre vermeintlichen Herkunftsländer zurückzugehen. In seinem jüngsten Verbalangriff beschimpfte Trump den afroamerikanischen Abgeordneten Elijah Cummings als "brutalen Tyrannen" und beschrieb dessen Wahlkreis in Baltimore als "widerliches, von Ratten und Nagern befallenes Drecksloch".

Laut Vincent Southerland, Geschäftsführer des Zentrums für Rasse, Ungleichheit und Recht an der Universität New York, ist Trump "ein Symptom des umfassenden Übels der Rassendiskriminierung, mit dem wir ständig zu kämpfen haben". Um dieses Problem hinter sich zu lassen, müssten die Amerikaner sich zunächst damit auseinandersetzen. "Und ich denke, das haben wir noch nicht wirklich getan", sagt Southerland.

Rassismus ist Thema im Wahlkampf

Doch auch im Rennen der Demokraten um die Präsidentschaftskandidatur spielt das Thema eine wichtige Rolle. Während der ersten Debatten zwischen den Kandidaten ging es unter anderem um Rassendiskriminierung und die Frage, ob den Nachkommen von Sklaven Wiedergutmachung gezahlt werden sollte. Die afroamerikanische Senatorin Kamala Harris legte in den Umfragen deutlich zu, nachdem sie sich mit Ex-Vizepräsident Joe Biden ein Wortgefecht über die Diskriminierung von Schwarzen geliefert hatte.

Zum Teil sei dies eine Reaktion auf Trump und dessen Rhetorik, sagt Southerland. Gleichzeitig seien die Demokraten aber auch auf die Stimmen schwarzer Wähler angewiesen, wenn sie das Weiße Haus zurückerobern wollen.

Die relativ geringe Wahlbeteiligung von Afroamerikanern bei der Präsidentschaftswahl 2016 wird häufig als ein Hauptgrund für die Niederlage der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton angeführt. "Wenn es den Demokraten nicht gelingt, schwarze Wähler zu mobilisieren, werden sie diese Wahl nicht gewinnen", sagt Gillespie. (apa, afp)