"Wiener Zeitung": Zuletzt hat Russland im Europarat wieder das Stimmrecht zurückerhalten, das 2014 nach der Krim-Annexion entzogen wurde. Was bedeutet das?

Fjodor Lukjanow (*1967) ist Chefredakteur von "Russia in Global Affairs", die bedeutendste Fachzeitschrift Russlands zu außenpolitischen Themen. Er gilt als Vordenker der russischen Außenpolitik. - © Simone Brunner
Fjodor Lukjanow (*1967) ist Chefredakteur von "Russia in Global Affairs", die bedeutendste Fachzeitschrift Russlands zu außenpolitischen Themen. Er gilt als Vordenker der russischen Außenpolitik. - © Simone Brunner

Fjodor Lukjankow: Dass sich die Atmosphäre ändert. Fünf Jahre lang hat der Westen eine harte Linie vertreten, und plötzlich war dann doch alles anders. Ich sehe aber auch pragmatische Gründe: Russland ist einer der größten Beitragszahler. Wenn Moskau nicht an der Wahl des neuen Generalsekretärs teilnimmt, dann kann das rechtlich angefochten werden. Und wenn nach uns etwa auch noch die Türkei aus dem Europarat ausscheiden würde, wozu braucht man ihn dann noch? Insgesamt ist das ein symbolischer Sieg für Russland, der auf ein Ende der Post-Krim-Periode hindeutet.

Was meinen Sie damit?

Europa ist müde vom Ukraine-Konflikt. Es kommt Bewegung in die Sache. Die Frage wird sein, ob man das auch auf die Sanktionen übertragen kann. Zudem hat sich die Welt in den letzten fünf Jahren verändert. Damals schien es noch so, als wäre das ein Konflikt von Weltbedeutung. Heute finden die großen Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten statt. Zudem hat das Jahr 2014 gezeigt, dass der russische Revanchismus am Ende ist.

Wie bitte? International wurde Moskau gerade im Jahr 2014, dem Jahr des Maidan, als aggressiver Akteur wahrgenommen.

Es hat sich herausgestellt, dass es für Moskau gar nicht so einfach ist, Territorium einzugliedern. Die Krim ist eine separate Geschichte, aber im Osten der Ukraine gab es keinen großen Enthusiasmus für diese Idee. Natürlich gibt es noch immer Nationalisten in Russland, die Gebietsansprüche stellen, aber mir scheint, dass sie ins Hintertreffen geraten sind. Russlands Aktionen in der Ostukraine waren improvisiert, das folgte keinem großen Plan. Und jetzt steht der Kreml vor der Frage: Wozu das Ganze? Die Eurasische Wirtschaftsunion ist eine viel angemessenere Form, die Länder in seinem Orbit zu halten.

Infolge des Krieges in der Ukraine haben sich die Beziehungen zwischen der EU und Russland massiv verschlechtert.

Dieser Prozess hat schon früher begonnen, die Ukraine war nur der augenfällige Wendepunkt. Bis heute haben wir keine Antwort darauf, wie diese Beziehungen in Zukunft gestaltet werden sollen. Heute befinden sich sowohl die EU als auch Russland in einer Übergangsphase: In Russland steht ein Machtwechsel bevor. Wie der aussehen wird, wissen wir nicht. Das macht alle nervös. Europa ist auch mit inneren Problemen, einer Art Perestrojka der EU (auf Deutsch: Umgestaltung) beschäftigt. Solange beide mit komplexen Fragen zu Hause konfrontiert sind, die ihre Kräfte binden, können wir wohl kaum neue Impulse erwarten.