"Wiener Zeitung": Für den Samstag sind die nächsten Demonstrationen in Moskau angekündigt. In den vergangenen Wochen haben Sie die Proteste dort verfolgt, und wurden selbst kurz festgenommen. Die Polizei hatte hunderte Menschen verhaftet; auch Passanten und Beobachter waren in ihr Visier geraten. Wie erklären Sie sich dieses harte Durchgreifen?

Mischa Gabowitsch ist Soziologe und Zeithistoriker und forscht zu Protesten und sozialen Bewegungen in Russland. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein Forum in Potsdam.
Mischa Gabowitsch ist Soziologe und Zeithistoriker und forscht zu Protesten und sozialen Bewegungen in Russland. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein Forum in Potsdam.

Mischa Gabowitsch: Es geht wohl darum, ganz entschieden eine mögliche Erfolgsserie zu unterbinden. Nach den Demonstrationen zur Freilassung des Journalisten Iwan Golunow, dem wegen angeblichen Drogenbesitzes im Juni der Prozess gemacht wurde, der dann aber freikam, haben viele in Moskau zum ersten Mal seit Langem den Eindruck gewonnen, dass sie etwas mit ihrem Protest erreichen können. Und nun will die Staatsmacht zeigen: "Damit ist jetzt Schluss! Wir bestimmen, wie die anstehende Wahl zum Stadtparlament ablaufen wird, und ihr habt euch gefälligst daran zu halten." Eine klare Botschaft, dass die Leute stillhalten sollen.

Sie haben mit "Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur" ein Buch über die Protestbewegung 2011 bis 2013 geschrieben. Inwiefern unterscheidet sich diese von den heutigen Kundgebungen?

Die Anliegen sind heute viel konkreter. Damals ging es zwar in erster Linie um Wahlfälschung bei der Parlamentswahl 2011, aber die Demonstrationen waren auch Bühne für andere Anliegen, etwa zu Umwelt oder Stadtplanung. Die aktuellen Moskauer Proteste sind kleiner, aber konkreter. Die Menschen wissen ganz genau, wofür sie auf die Straße gehen. Zum Teil kennen die Demonstranten die Politiker sogar persönlich, die für das Stadtparlament kandidieren, aber nicht zugelassen wurden. Einige der Bewerber sitzen auch schon als Abgeordnete in den Bezirksparlamenten, wo sie sich um tägliche Dinge wie Müllabfuhr, Spielplätze oder Straßengestaltung kümmern. Viele Moskauer haben einen konkreten Bezug zu ihnen und haben sie mit ihrer Unterschrift unterstützt. Und dann wird ihnen gesagt: "Das ist alles nicht echt. Dich gibt es gar nicht."

Weil die Behörden die Unterschriften als gefälscht abgelehnt haben...

Die Leute denken sich dann: "Warum soll dieser Kandidat nicht zugelassen werden? Der macht doch gute Arbeit. Der will keine Revolution vom Zaun brechen. Der will einfach eine bessere Müllabfuhr und weniger Korruption bei Auftragsvergaben." Hinzu kommt, dass die Wahlkommission diesen persönlichen Bezug selbst gefördert hat. Sie hat die Anforderungen für die Wahl verschärft, etwa die Zahl der Unterschriften erhöht, die nötig sind, um zugelassen zu werden. Das hat die Kandidaten dazu gezwungen, ihre Kampagne früher zu starten und früher auf die Leute zuzugehen. Dadurch wurde noch mehr Vertrauen zu den Wählern aufgebaut. In Russland ist ein Protest immer dann besonders emotional und langlebig, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass sie persönlich betroffen sind.