Ist das eine Stärke der Proteste, etwa im Unterschied zu 2011-13, als die Demonstrationen eher ein Sammelbecken für unterschiedliche, oft diffuse Anliegen waren?

So einfach lässt sich das nicht sagen. Grundsätzlich gibt es in Russland zwei Formen von Protest. Beim offenkundig politischen geht es um allgemeine Fragen, wie Korruptionsbekämpfung, demokratische Regeln und faire Wahlen. Bei den allermeisten Protesten im Land geht es aber um ganz konkrete Anliegen: einen Park, einen Wald, einen Fluss. Dazu gehören auch die meisten Sozialproteste zu Themen wie Renten oder Lkw-Maut. In Moskau entsteht wohl gerade eine hybride Form, bei der sich der oppositionelle Protest jenem zu konkreten Anliegen annähert.

Es sind auffällig viele junge Menschen unter den Protestierenden, die dann ihre Selfies aus dem Gefangenentransporter posten. Inwiefern spielt auch die Generationenfrage eine Rolle?

Das wird von den Medien immer etwas aufgebauscht, aber seit 2017 sehen wir tatsächlich landesweit eine größere Zahl von jungen Menschen auf Demonstrationen. Für sie liegen die Proteste von 2011-13 in grauer Vorzeit. Aber ihre Zahlen sind zu klein, als dass man sagen könnte, dass jetzt "die" Schüler oder Studenten auf die Straße gehen.

Wie schätzen Sie die Unterstützung durch die Moskauer ein? Wäre es völlig übertrieben, von einer breiten Politisierung zu sprechen?

Wir wissen aus Umfragen, dass die Moskauer kritischer gegenüber der Staatsmacht eingestellt sind als andere in Russland. Es ist kein Zufall, dass hier Oppositionskandidaten - vorausgesetzt, sie werden zu den Wahlen zugelassen - zwar keine Mehrheit, aber zumindest beachtliche Ergebnisse erzielen können. Das ist auch ein Grund, warum in Moskau bei diesem Votum härter durchgegriffen wird. Aber kritische Grundhaltung und Protestteilnahme sind nicht ein und dasselbe.

Bei der Bürgermeisterwahl 2013 kam der Oppositionelle Alexej Nawalny aus dem Stand auf 27 Prozent. Jetzt tritt er nicht an und ist derzeit in Haft, zuletzt wurde sogar über eine mögliche Vergiftung spekuliert. Wie sehen Sie seine Rolle bei den Protesten?

Viele der prominenten Kandidaten sind Nawalny-Mitstreiter, etwa Ljubow Sobol. Dennoch wäre "Protestanführer" das falsche Wort für Nawalny, der vor allem als Medienfigur wichtig ist. Die unabhängigen Kandidaten werden nicht ins Fernsehen eingeladen, also bleibt nur das Internet. Und da ist Nawalny mit seiner Internetpräsenz die klare Nummer eins, seine diversen Kanäle werden von Millionen Menschen verfolgt. Aber wir haben gesehen, dass selbst dann, wenn alle wichtigen medialen Figuren festgenommen werden, die Leute trotzdem auf die Straße gehen.

Derweil werden die Demonstranten in den staatlichen Medien als aggressiv dargestellt und sogar Gerüchte gestreut, sie hätten einen Sturm auf das Bürgermeisteramt geplant.