Es ist eine erprobte Taktik der Staatsmacht, Demonstranten als gewalttätig oder gewaltbereit darzustellen. Das ist ziemlich fadenscheinig. Wem würde es schon einfallen, die Sonderpolizei mit ihren Helmen und Schlagstöcken anzugreifen? Jeder weiß, dass es schlichtweg unmöglich wäre, das Bürgermeisteramt zu stürmen. Aber in den Staatsmedien wird suggeriert: Das sind vom Ausland finanzierte Chaoten, die hier einen zweiten Maidan-Protest wie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew organisieren wollen. Das ist das Narrativ: "Unsere Nachbarstaaten, wie die Ukraine, werden von den USA destabilisiert, und jetzt wollen sie auch uns zu Leibe rücken. Das machen sie, indem sie über Oppositionsbewegungen junge, naive Leute auf die Straße treiben."

Wie gefährlich können diese Proteste für die Staatsmacht werden?

Diese haben ein klares Ablaufdatum: Am 8. September findet die Wahl zum Moskauer Stadtparlament statt. Danach gibt es zu diesem Thema höchstens noch ein, zwei Demonstrationen, und dann ist Schluss. Vielleicht erreichen es die Demonstranten noch, dass ein paar Kandidaten zugelassen werden. Zu mehr wird es wohl nicht kommen. Aber Protest entsteht in Russland meist spontan, weil es keine starken Institutionen und Organisationen gibt, die ihn steuern können. Auch jetzt wird in Russland zu vielen anderen Themen protestiert.