Seit mehr als einem Jahr reden die USA mit den aufständischen, radikalislamischen Taliban über eine politische Beilegung des langjährigen Konflikts. Nach den Al-Kaida-Angriffen von 2001 in New York und Washington waren die Taliban, die Al-Kaida-Chef Osama bin Laden beherbergt hatten, von den USA an der Spitze einer internationalen Militärintervention von der Macht vertrieben worden. Seit dem Abzug zehntausender internationaler Soldaten aus dem Land haben die Taliban rasant an Stärke gewonnen. US-Generäle sprechen schon lange von einem militärischen Patt.

Bei den USA-Taliban-Gesprächen im Golfemirat Katar, wo US-Delegierte jüngst in schicken Anzügen und Militäruniformen Taliban mit ihren schwarzen Turbanen und weißen Gewändern gegenübersaßen, geht es vor allem um Truppenabzüge und Garantien der Taliban, dass Afghanistan nicht zu einem Rückzugsort für Terroristen wird. In den vergangenen zwei Wochen hieß es jeden Tag, man stehe kurz vor einem Abkommen, das dann innerafghanische Friedensgespräche, also einen direkten Dialog zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban, in Gang setzen soll. Die Islamisten würden in der Folge an der Macht in Afghanistan beteiligt.

Je mehr das USA-Taliban-Abkommen sowie innerafghanische Gespräche - und damit Frieden - in greifbare Nähe rücken, desto schmerzvoller ist für die Afghanen jeder Tote und desto geringer wird ihre Toleranz für jede Art von Gewalt. Der Anschlag in Kabul ist für viele Afghanen eine schmerzvolle Erinnerung daran, dass sie sich trotz der größten Fortschritte der vergangenen Jahre im Friedensprozess mit den Taliban weiter keinen Illusionen über ein schnelles Ende der Gewalt hingeben können. Auch wenn die Taliban einem Waffenstillstand zustimmen, droht den Menschen weiter Gefahr - durch die Extremisten der Terrormiliz IS.

Regelmäßig tagelange Gefechte zwischen Taliban und IS

Doch wie groß ist diese Gefahr? Erstmals war der IS in Afghanistan Anfang 2015 aufgetaucht. Er will dort sowie auf pakistanischem Gebiet seitdem eine "Provinz" namens IS-Chorasan etablieren. Die USA und die afghanische Regierung haben die Extremisten von Anfang an intensiv auf dem Boden und aus der Luft bekämpft. Auch die Taliban liefern sich regelmäßig tagelange Gefechte mit ihnen.

Die Zahl der IS-Angriffe war vor allem im Vorjahr stark angestiegen, in den ersten sechs Monaten 2019 allerdings gesunken. Nach einem UN-Bericht zu den zivilen Opfern der Konflikte in Afghanistan wurden im Jahr 2018 bei dem IS zugerechneten Anschlägen fast 700 Menschen getötet und 1.500 verwundet. Damit war der IS für rund ein Fünftel der 3.804 zivilen Todesopfer 2018 verantwortlich. In den ersten sechs Monaten 2019 sank dieser Anteil auf elf Prozent.

Der IS hat in den vergangenen Monaten militärische Rückschläge erlitten, Kommandeure und Territorium verloren. Nach einem UN-Bericht von Juni allerdings bleibt der IS-Ableger die größte und bedrohlichste Präsenz der Terrormiliz außerhalb des Iraks und Syriens. Nachdem er im Sommer des Vorjahres aus der Provinz Jausjan vertrieben worden war, habe er nun keine sichtbare Präsenz mehr im Norden des Landes, heißt es weiter. Allerdings sollen im Osten des Landes, vor allem in und rund um die Provinzen Nangarhar und Kunar, 2.500 bis 4.000 IS-Kämpfer aktiv sein.