Im Westen dürfte die Forderung nach harten Maßnahmen gegenüber China für peinliche Berührung sorgen. Denn die Fotos und Videos, die seit zweieinhalb Monaten einen offenbar todesmutigen Kampf überwiegend junger Hongkonger Demokraten gegen das übermächtige China zeigen, lösen auf dem westlichen Erdteil zwar reichlich Bewunderung aus. Sie könnten aber genauso gut für ein Schamgefühl sorgen. Dafür nämlich, dass jene Region der Welt, die in der Regel am hochtrabendsten und grundsätzlichsten von den Werten der Demokratie redet, seit Wochen auffällig kleinlaut bleibt.

Von den G7-Ländern, die gemeinhin als die mächtigsten Staaten der Welt gelten, ist bisher nicht viel Substanzielles zu hören. Jeremy Hunt, bis Ende Juli Außenminister Großbritanniens, hat gegenüber Peking nur unkonkret "ernsthafte Konsequenzen" angemahnt, falls der harte Umgang mit den Aufständischen in Hongkong nicht aufhöre. China wies die Äußerung prompt als Fantasien der alten Kolonialmacht zurück. Daraufhin schlug Hunts Amtsnachfolger Dominic Raab in einem Treffen mit Hongkongs Peking-treuer Gouverneurin Carrie Lam nur noch vor, diese solle doch in Dialog mit der Gesellschaft treten.

Aus den meisten der weiteren G7-Staaten - Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada und Japan - ist noch weniger zu vernehmen. Die EU und Kanada veröffentlichten ein gemeinsames Statement, in dem gefordert wird, dass im aktuellen Konflikt "Gewalt abgelehnt werde und dringend Schritte unternommen werden, um die Situation zu deeskalieren". Deutschlands Außenminister Heiko Maas rät dagegen seinen Landsfrauen und -männern von Reisen nach Hongkong ab und gibt kund, er sei "sehr besorgt". Viel mehr sagt er aber auch nicht.

Nur US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass sich der laufende Handelskrieg mit China nicht beilegen lässt, falls Peking in Hongkong Gewalt anwendet. Allerdings ist Trump kaum an Bürgerrechten in Hongkong gelegen. Eher benutzt er die Proteste als weiteres Instrument, um in seinem seit Monaten schwelenden Handelskonflikt mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping weiter Druck aufzubauen.

Westen wirkt scheinheilig

So sehen die westlichen Länder wie so oft scheinheilig aus: Zwar pochen sie etwa bei der Vergabe von Entwicklungshilfegeldern an arme Länder gern auf die Einhaltung demokratischer Prinzipien. Auch wo es in Wahrheit eher um wirtschaftliche Interessen geht, wie für die USA im Irakkrieg oder jetzt im Handelskonflikt mit China, wird für die Legitimation der eigenen Maßnahmen gern die Verteidigung demokratischer Werte vorgeschoben.

Wenn es aber darum geht, für die eigens immerzu propagierten Werte auch dort einzutreten, wo es ökonomisch einiges zu verlieren gäbe, dann passiert außer Rhetorik meist nicht viel.

Dabei liegt die gebrechliche Demokratie in Hongkong, die eigentlich auch für das aufstrebende China als Vorbild herhalten könnte, gerade im Sterben. Im Frühjahr brachte die Peking-treue Hongkonger Stadtregierung unter Gouverneurin Carrie Lam ein Gesetz auf den Weg, durch das der Kriminalität verdächtigte Personen an chinesische Behörden ausgeliefert werden könnten. In Hongkong, das bis 1997 britische Kolonie war, hat man sich über die Jahrzehnte allerdings an einige liberale Rechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit sowie freie Gerichte längst gewöhnt, die den Hongkongern bei der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China 1997 für 50 Jahre zugesichert worden waren.