In dem Gesetzentwurf vom Frühjahr fürchten die Oppositionellen um Joshua Wong einen klaren Einschnitt in die politische Unabhängigkeit von Peking. Auch wenn Hongkongs Regierung von dem Auslieferungsgesetz mittlerweile Abstand genommen hat, geben sich die Aufständischen nicht zufrieden. Denn das seit dem Wiederanschluss Hongkongs an China offiziell geltende Prinzip "Ein Land, zwei Systeme", das Hongkong eben einen Autonomiestatus zusichern soll, wird in ihren Augen sukzessive ausgehöhlt.

2014 wurden die sogenannten Regenschirm-Proteste losgetreten, nachdem sich offenbart hatte, dass die Hongkonger Bürger entgegen vorigen Versprechen auch künftig ihre Regierung nicht demokratisch wählen dürfen. Stattdessen herrscht ein Wahlrecht, das es China de facto erlaubt, nur von Peking gewünschte Politiker zur Wahl zu stellen. Eine Parallele zwischen den Protesten von 2014 und 2019 ist das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten. Dieser Tage gehen Journalisten nur noch in Gasmasken auf die Straße. Aktivisten laden online Videos davon hoch, wie ihre Kollegen von der Polizei verprügelt oder durch Tränengas aus dem Verkehr gezogen wurden.

Bollwerk gegen Expansion

Einer von ihnen ist Brandon Yau. Der einstige Parlamentsmitarbeiter der mittlerweile abgesetzten demokratischen Abgeordneten Siu-lai Lau geht seit Wochen täglich auf die Straße, um zu demonstrieren, bekam selbst Tränengas ab. "Ich kann nachts nicht mehr richtig schlafen, wenn ich daran denke, wie unsere Kameraden von der Polizei niedergeschlagen werden." Yau glaubt nicht, dass die Hongkonger auf lange Sicht dem Druck Pekings standhalten können. "Die Welt muss verstehen, dass Hongkong das Bollwerk gegen die rücksichtslose Expansion Chinas ist. Deswegen muss sie uns unterstützen, auch gegen ihre kurzfristigen Wirtschaftsinteressen."

Wer kann, orientiert sich anderswohin. Eine Akademikerin aus dem asiatischen Ausland sagt unter der Bedingung der Anonymität: "Hongkong galt immer als freier Ort." Seit kurzem aber habe sie das Gefühl, dass Leute wie sie, die sich bisher für Menschenrechte und Demokratie eingesetzt haben, hier nicht mehr willkommen seien. "Falls ich einen Job in einem anderen Land finde, werde ich Hongkong verlassen. Viele meiner ausländischen Bekannten fühlen sich genauso."