Khartum/Wien. Es war ein Vor und Zurück, ein Verhandlungsmarathon voller Rückschläge, begleitet von Demonstrationen, die Dutzende Todesopfer gefordert haben. Doch am Mittwoch war es so weit: Im Sudan wurde der Souveräne Rat angelobt. Nach einer jahrzehntelangen Militärherrschaft bilden nun Zivilisten und Militärs eine Übergangsregierung, die das Land in die Demokratie führen soll. Das Foto, das Zivilisten und Soldaten in der Hauptstadt Khartum gemeinsam an einem Tisch zeigt, wird vielleicht in die Geschichte eingehen als Abbildung eines historischen Wendepunktes. Oder als ein Bild, das Hoffnungen geschürt hat, die enttäuscht wurden.

Denn der Sudan befindet sich auf einer Reise ins Ungewisse. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass die Sudanesen, die im April Diktator Omar al-Bashir, der drei Jahrzehnte an der Macht war, gestürzt hatten, sich am Ende ihres Weges in einer Demokratie wiederfinden.

Ganz prinzipiell ist das nun aber das Ziel. Dem Souveränen Rat gehören sechs Zivilisten und fünf Militärs an. Geführt wird das Gremium von General Abdel Fattah al-Burhan, der bisher dem regierenden Militärrat vorstand. Nach 21 Monaten soll dann ein Zivilist die Führung übernehmen. Für 2022 sind schließlich Wahlen vorgesehen.

Entschlossene Einheit
gegen die Macht des Militärs

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der Rat ist der Kopf einer Übergangsregierung, deren restliche Mitglieder er in den nächsten Tagen bestimmen soll. Fest steht offenbar bereits, wer künftiger Premier werden soll: Nämlich der international angesehene ehemalige UN-Mitarbeiter und Wirtschaftswissenschaftler Abdalla Hamdok, der nun genügend Glaubwürdigkeit besitzt, weil er unter Ex-Herrscher Bashir das ihm angetragene Amt des Finanzministers abgelehnt hatte.

Hamdok wird sich auch gleich um Wirtschaftsreformen kümmern müssen. Denn der Aufstand gegen Bashir war im wahrsten Sinne des Wortes eine Brotrevolte, die sich an gestiegenen Lebensmittelpreisen entzündet hatte. Schnell aber nahmen die Demonstrationen auch einen politischen Charakter an.

Eine herausragende Rolle nahm die Sudanese Professionals Association (SPA) ein, in der sich etwa Ärzte, Juristen oder Universitätsprofessoren sammelten. Sie war die treibende Kraft hinter den Protesten und schaffte es über Monate, keine internen Grabenkämpfe aufkommen zu lassen.

Hinzu kam die Opferbereitschaft und Entschlossenheit der Demonstranten, die in den verschiedensten Städten des Landes in Massen auf die Straßen gingen. Obwohl das Militär auf sie schoss und es dutzende Todesopfer gab, ließen sie sich nicht einschüchtern. Begräbnisse wurden so zu neuen Demonstrationen - weshalb es den Machthabern diesmal, im Gegensatz zur Vergangenheit, nicht gelang, den Aufstand niederzuschlagen.

Dass die zivilgesellschaftliche Bewegung bisher eine derart entschlossene Einheit bildet, gilt als eine ihrer großen Stärken. Und ein derartiges Auftreten wird laut Beobachtern auch in Zukunft notwendig sein - zumal weiterhin nicht klar ist, ob die Militärs nun tatsächlich Verbündete oder weiterhin Kontrahenten sind.

Mächtiger General
stellt große Gefahr dar

Vor allem General Mohammed Hamdan Daglo alias Hemeti ist eine äußerst problematische Figur. Er ist ebenfalls Teil des Übergangsrates. Dass die zivilen Vertreter des Rates, die ihn eigentlich als Angeklagten vor Gericht sehen wollten, dies akzeptierten, kann nur mit der Macht, die er besitzt, erklärt werden.

Den von Hemeti befehligten Rapid Support Forces (RSF)wird das größte Massaker an Demonstranten vorgeworfen, bei dem Schätzungen zufolge mehr als hundert Menschen getötet und Leichen einfach in den Nil geworfen wurden. Hemeti behauptet, dass er damit nichts zu tun habe, und schiebt das Massaker unteren Rängen in die Schuhe. Er bekennt sich auch zu den Zielen des Souveränen Rates. Doch viele nehmen dem einstigen Warlord aus Darfur seine Bekenntnisse nicht ab, und die Sorge ist groß, dass er den Übergangsprozess torpediert. Zumal er mit den unter Bashir hochgerüsteten RSF die Militäreinheit kommandiert, die im Sudan als die schlagkräftigste, gefährlichste und brutalste gilt.

Hemeti werden gute Verbindungen in die Vereinigten Arabischen Emirate nachgesagt. Auch Saudi-Arabien und Ägypten sollen enge Kontakte zu Sudans Militär pflegen. In Ägypten herrscht die Armee, in Saudi-Arabien das Königshaus, und bei den Emiraten handelt es sich um einen Verbund von Erbmonarchien. Dass diese Staaten ein gesteigertes Interesse an einem gelungenen Demokratieexperiment vor ihrer Haustür im Sudan haben, darf zumindest bezweifelt werden.