Merz beobachtet in Deutschland eine besorgniserregende Tendenz zur politischen Unterwürfigkeit aufgrund ökonomischer Abhängigkeiten: Es bestehe die "Gefahr einer zunehmenden Befangenheit der deutschen Politik und Wirtschaft gegenüber China". Zu den jüngsten Entwicklungen in Hongkong, wo es seit Wochen zu Massenprotesten gegen die Beschränkung demokratischer Freiheitsrechte durch Peking kommt, habe es kaum klare Worte gegeben. Hier sei deutlich mehr Selbstbewusstsein von deutscher Seite gefordert, so Merz. Insgesamt fordert Merz politische Konzepte, wie die deutsche und europäische Wirtschaft innovationsfähiger gemacht werden könne. Dies sei nicht zuletzt auch im Hinblick auf den Klimawandel notwendig. Dabei dürfe jedoch nicht aus den Augen verloren werden, dass auch die nächsten Generationen noch wertschöpfende Industriearbeitsplätze brauchen würden, wolle der Wohlstand erhalten werden. Vor diesem Hintergrund hält Merz etliche der aktuell debattierten Vorschläge in der Klimapolitik für zu kurz gedacht. Über allem aber stehe die Grundfrage, wie es gelingen könne, die liberale, demokratische und offene Gesellschaft auch unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu bewahren.

Bereit für eine führende Rolle

Die Frage der Demokratie treibt dabei auch die EU als Institution um. Dass er vom System der Spitzenkandidaten wenig bis gar nichts hält, damit hält Merz in Alpbach nicht hinter dem Berg. Und die Umsetzung sogenannter Europäischer Listen bei EU-Wahlen würde bedingen, dass in der EU jede Stimme gleich viel wert sei; das sei aber nicht wirklich möglich, weil dann Deutschland allein mehr als ein Viertel aller Abgeordneten im EU-Parlament stellen würde. Und Malta gar keinen. Eine klassische Parlamentarisierung der Union sei also kaum möglich, weil eben das EU-Parlament kein normales Parlament sei. Stattdessen kann sich Merz vorstellen, dass Mitglieder der Kommission auch Abgeordnete sind und dass EU-Wahlen einen stärkeren Einfluss auf die parteipolitische Zusammensetzung der Kommission hat.

Was seine eigene, höchstpersönliche politische Zukunft angehe, so sei er durchaus bereit, eine führende Rolle einzunehmen, allerdings werde dies nur in einem Team funktionieren nicht als Solotänzer. Ob es tatsächlich dazu kommt, werde die Zukunft zeigen. Das gilt auch für die Frage, wer im Fall des Falles sonst noch in einem solchen Team mit dabei sein werde.