Wien. Der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 markiert den Auftakt zu einem Krieg, in dessen Verlauf mehr als 60 Millionen Menschen getötet wurden und es in Japan zum Einsatz der Atombombe kam.

Die Nazis fingierten zunächst Angriffe polnischer Truppen auf Deutschland, dann vermeldete der Führer Adolf Hitler, dass "seit 5.45 jetzt zurückgeschossen" werde. Die Zeitangabe war freilich falsch. Der deutsche Panzerkreuzer "Schleswig-Holstein" eröffnete das Feuer gegen polnische Stellungen auf der sogenannten Westerplatte schon um 4.45 Uhr. Der "Fall Weiß", wie der Nazi-Deckname für den Angriff auf Polen lautete, war spätestens seit dem 22. August fix beschlossen.

Hans Schmölzer in der Uniform eines Leutnants der Wehrmacht. - © privat
Hans Schmölzer in der Uniform eines Leutnants der Wehrmacht. - © privat

Die "Wiener Zeitung" versucht, die dramatischen Ereignisse anhand bisher unveröffentlichter Originaldokumente nachzuzeichnen. Als umfangreiche Quelle erweist sich das Kriegstagebuch meines Großvaters Hans Schmölzer, damals Rechtsanwalt im oberösterreichischen Steyr und überzeugter Nationalsozialist, der bei dem Überfall auf Polen von Beginn an dabei war.

Uniforme Masse: Die polnische Armee wurde 1939 von der Wehrmacht (Foto) einfach niedergewalzt. - © Archiv
Uniforme Masse: Die polnische Armee wurde 1939 von der Wehrmacht (Foto) einfach niedergewalzt. - © Archiv

Dass ein Krieg bevorsteht, war ihm im Juni 1939 klar. Da wurde er als Leutnant bei der Fliegerabwehr (Flak) zu einer militärischen Übung in Linz eingezogen. "Man macht uns Andeutungen über den Ausbruch eines Krieges im September", notiert er in sein Tagebuch. Die Übungen an den Geschützen finden mit anderen altgedienten Soldaten statt, die, wie mein Großvater, schon im Ersten Weltkrieg an der Front waren.

Die Aussicht auf Krieg begeistert Hans Schmölzer nicht. Mittlerweile hat er eine Anwaltskanzlei, ein Haus, eine Frau und zwei Kinder. "Als allzeit vorausdenkender Mann" verkauft er sofort sein Auto, wie er schreibt. Offenbar will er verhindern, dass die Wehrmacht das Fahrzeug beschlagnahmt.

Um 1.30 Uhr wurde der Angriffsbefehl zurückgezogen

Am 13. August ist für meinen Großvater klar, wohin die Reise geht. Er wird wieder zu einer Übung eingezogen, wobei er in seinem Tagebuch "Übung" unter Anführungszeichen setzt. Sein Zug setzt sich in Richtung Osten in Bewegung, über Mähren geht es in Richtung Polen.

Am 21. August erreicht er Gleiwitz, 1200 Meter vor der Grenze geht er mit seiner Flakbatterie in Stellung. Hier wird der Zweite Weltkrieg seinen Ausgang nehmen. Die Nazis wollten es so aussehen lassen, als hätte Polen den Krieg begonnen. Die SS fingierte einen Angriff auf den hölzernen Sendeturm, der heute noch steht und besichtigt werden kann.

Von dem vorgetäuschten Angriff schreibt mein Großvater nichts, die Sache war streng geheim.