Unter den Bewerbern sind auch erbitterte Feinde der politischen Lager. Da ist zum Beispiel Abir Moussi, eine von nur zwei Frauen, die sich um den Präsidentenposten bewerben. Sie kommt aus der früheren Partei des langjährigen Machthabers Ben Ali, dessen Flucht aus Tunesien der Startschuss für die Revolution war. Wobei sie nicht von einer "Revolution" spricht: "Was 2011 passiert ist, war eine illegale Machtübernahme", sagte sie lokalen Medien. Sie greift die Stimmung vieler im Land auf: Früher war vieles besser.

Und da ist auch Abdelfattah Mourou, der Kandidat der islamisch-konservativen Ennahda, der in Interviews auch gerne einmal die "Ode an die Freude" oder "Ein Mann, der sich Kolumbus nannt‘" auf Deutsch singt. Er und seine Partei spalten das Land: Die einen sehen in der Ennahda eine islamistische Partei, die die Freiheiten der Revolution wieder begrenzen will, die anderen wünschen sich eine Stärkung traditioneller Werte, wie die Stellung der Familie. Bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr gewann die Partei viele Stimmen, gerade in den abgelegenen Regionen.

Und da ist Medienmogul Nabil Karoui, der Besitzer des privaten Fernsehsenders Nessma TV. Die Kameras seines Senders fangen ihn gerne dabei ein, wie er Almosen an die Armen verteilt. Die Justiz ermittelt gegen ihn unter anderem wegen des Verdachts der Geldwäsche. Die Vorwürfe sind schon drei Jahre alt, die Inhaftierung erfolgte kurz vor Beginn des offiziellen Wahlkampfes.

Ansonsten treten noch ein Ex-Präsident, zwei Ex-Regierungschefs, elf Ex-Minister und mehrere Ex-Abgeordnete zur Wahl am Sonntag an. Dazu noch der aktuelle Regierungschef Youssef Chahed und ein Anwalt, der vor allem Terrorverdächtige verteidigt. Tunesiens erster offen homosexueller Kandidat wurde von der Wahlkommission wegen angeblich fehlender Unterstützerstimmen nicht zugelassen.

"Bei dieser Wahl geht es auch um die demokratischen Institutionen an sich, da wird teils viel Stimmung gemacht", sagt Politikwissenschaftler Max Gallien. "Dass es überhaupt Fernsehdebatten gibt, die zeitgleich auf mehreren Sendern ausgestrahlt werden, ist schon eine Errungenschaft der Demokratie", sagt TV-Debatten-Initiator Benkredda. "Vor fünf Jahren wäre das nicht möglich gewesen."

In einer Umfrage des Arab Barometers sieht fast die Hälfte der Befragten die Wirtschaft als das größte Problem des Landes an. Danach folgt mit weitem Abstand der Kampf gegen Terrorismus (13 Prozent) und Korruption (zwölf Prozent). Jeder Dritte der Befragten gab zu, ans Auswandern zu denken.

Dennoch steht Tunesiens Demokratie ein wenig am Scheideweg, weil es nicht nur um die Inhalte geht, die die Menschen auf der Straße bewegen, sondern auch um Machtfragen. Aber wieder einmal hat Tunesien eine Vorreiterrolle eingenommen: Der Ausgang der Wahl ist offen wie nie. (dpa)