Wie schwer es die saudische Erdölindustrie getroffen hat, macht schon alleine eine Reihe von Kaufgesuchen deutlich, die die Aramco Trading Company am Markt platziert hat. Zwei Tage nach den Drohnenangriffen auf die Raffinieren in Abkaik und Churais versuchte sich die Handelstochter des weltgrößten Energiekonzerns am Montag große Menge an Dieselreserven zu sichern. "Alles, was prompt verfügbar ist, wurde angefragt", sagte ein anonym bleiben wollender saudischer Händler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Normalerweise zählt Saudi-Arabien zu den großen Exporteuren von Diesel und anderen raffinierten Rohölprodukten.

Nach den Attacken auf die beiden Saudi-Aramco-Anlagen, durch die fast die Hälfte der Produktionskapazitäten im Königreich ausgefallen sind, herrscht aber nicht nur in Saudi-Arabien Nervosität. Auch an den internationalen Handelsplätzen macht sich angesichts der neuen Spannungen in der Golfregion massive Unruhe breit. Die Nordsee-Ölsorte Brent verteuerte sich um zeitweise knapp 20 Prozent auf 71,95 Dollar je Barrel (159 Liter) - einen dermaßen steilen Anstieg hat es zuletzt im Jahr 1991 gegeben, als die USA erstmals gegen den Irak in den Krieg zogen.

Reserven für ein Jahr

Bis die Ölproduktion in Saudi-Arabien wieder normal läuft, werden Brancheninsidern zufolge wohl noch Wochen, wenn nicht sogar Monaten, vergehen. Zu schwerwiegenden globalen Versorgungsengpässen und weiteren massiven Preissprüngen dürfte es infolge der Angriffe, für die die USA Saudi-Arabiens Erzrivalen Iran verantwortlich machen, aber dennoch nicht kommen. Denn auf der Welt gibt es noch jede Menge Öl. So verfügen allein die Saudis über Rohölreserven in Höhe von mehr als 200 Millionen Barrel, der Produktionsausfall von täglich 5,7 Million Barrel durch die Beschädigung der Anlagen in Abkaik und Churais könnte bereits damit einige Wochen überbrückt werden.

Global gesehen belaufen sich die Vorräte sogar auf rund zwei Milliarden Barrel. "Das reicht für rund ein Jahr", erklärt Hannes Loacker, Öl-Experte bei Raiffeisen Capital Management. Die strategischen Ölreserven, die US-Präsident Donald Trump für sein Land etwa schon teilweise freigeben hat, sind aber bei weitem nicht das einzige preisdämpfende Element. So produzieren viele Länder derzeit deutlich unter dem Maximum und können die Förderquote bei Bedarf rasch ausweiten. Ähnliches gilt auch für die US-Fracker. Denn die Schieferöl-Industrie, die bereits vor fünf Jahren mit massiven Produktausweitungen für einen Absturz des Ölpreises gesorgt hat, ist mittlerweile schon bei einem Preis von 55 bis 60 Dollar konkurrenzfähig und bei einem weiteren deutlichen Anstieg lassen sich schnell und und ohne großen Kapitalaufwand neue Lagerstätten erschließen. So dauert es mittlerweile nicht einmal mehr eine Woche, bis ein neues Bohrloch angelegt wird.

Viele Experten gehen daher davon aus, dass der Anstieg des Ölpreises durch die Angriffe bestenfalls ein kurzfristiges Phänomen sind. "Dauerhaft steigende Ölpreise und folglich Belastungen für die Konjunktur sind nur zu erwarten, wenn das Ölangebot tatsächlich dauerhaft verknappt wird", sagt Clemens Fuest, der Präsident des deutschen Ifo-Instituts. Ayham Kamel, Analyst beim Thinktank Eurasia Group, rechnet mit einem maximal zehn Dollar höheren Preisniveau falls Saudi-Aramco länger als erwartet braucht, um die Produktion wieder hochzufahren.

Öl als strategisches Ziel

Die große Unbekannte bleibt allerdings die Politik. Denn die Angriffe, zu denen sich zunächst die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen bekannt haben, könnten die schon seit Monaten angespannte Lage am Persischen Golf endgültig eskalieren lassen. Und bei einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran würde das Öl auf beiden Seiten wohl rasch in den Mittelpunkt der strategischen Überlegungen rücken.

Denn die Vereinigten Staaten würden den Iran wahrscheinlich nirgendwo so hart treffen wie mit Luftschlägen gegen seine Förderanlagen. Doch auch der Iran verfügt mit der Straße von Hormus über einen nicht zu unterschätzenden militärischen Hebel. Erst am Montag hat die islamische Republik in der Meerenge, durch die knapp ein Drittel des auf See transportierten Erdöls befördert werden, einen ausländischen Tanker aufgebracht.