Lotuspflanzen, Hausboote aus Zedernholz, Berghänge, an denen Pappeln und Pinien wachsen: Touristen, die nach Kaschmir reisen, sind entzückt, die Region wird ob ihrer Schönheit als "Paradies auf Erden" bezeichnet. Doch Touristen befinden sich derzeit kaum noch in der Region. Indien hat vergangenes Monat vor Anschlägen gewarnt, Sicherheitskräfte patrouillieren durch die Städte, und es wurden Ausgangssperren verhängt.

Das Paradies ist schon seit Jahrzehnten ein Brennpunkt internationaler Politik, und eine Entscheidung in Neu Delhi hat dem Konflikt noch einmal viel Zündstoff geliefert. Die hindunationalistische Regierung von Premier Narendra Modi hat Kaschmir seine Autonomie aberkannt und seine Sonderrechte entzogen. Die Entscheidung hat ein politisches Erdbeben ausgelöst, dessen Ausläufer bis nach New York reichen werden. Pakistan ist nämlich erzürnt und will das Thema vor der UNO debattieren, deren Generalversammlung kommende Woche in New York beginnt.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Diese Entwicklung ist das nächste Kapitel in einer jahrzehntelangen Geschichte, die von Feindschaft und Gewalt geprägt ist: Als Ende der 1940er Jahre Britisch-Indien zerfiel, versuchte Kaschmirs damaliger Maharadscha, die Unabhängigkeit des Fürstentums zu wahren. Doch von Pakistan unterstützte paschtunische Stammesmilizen drangen in Kaschmir ein. Der Maharadscha erklärte daraufhin den Beitritt zu Indien, um dessen Beistand zu erhalten. Dies führte zum ersten Indisch-Pakistanischen Krieg, der 1949 mit der Zweiteilung Kaschmirs endete. Der südliche und größere Teil kam als Jammu und Kaschmir zu Indien, der nördliche und kleinere Teil kam zu Pakistan (ein kleineres Gebiet Kaschmirs gehört auch zu China).

In den Jahrzehnten danach lieferten sich Indien und Pakistan noch einen weiteren Krieg und verschiedene Gefechte, immer wieder kam es im indischen Teil Kaschmirs zu Aufständen, während Neu Delhi die Region militarisiert und hunderttausende Soldaten dorthin entsandt hat. Bis heute sind die beiden Standpunkte unvereinbar: Neu Delhi leitet seinen Anspruch auf Kaschmir daraus ab, dass der Maharadscha damals Indien beigetreten ist. Pakistan, das als Heimat der indischen Muslime gegründet wurde, sieht Kaschmir als Teil seines Staates an, weil eben der Großteil der Kaschmiris Moslems sind.

Und mitten in diese Gemengelage hinein nimmt Indien Kaschmir seine Autonomierechte. Neu Delhi provozierte damit Pakistan, weil es deutlich gemacht hat, dass es Kaschmir nur noch als innerindische Angelegenheit ansieht. Aber auch viele Kaschmiris fühlen sich missachtet. Und es herrscht Angst: Denn die Autonomie sahen viele Kaschmiris, die dem indischen Staat misstrauen, als Schutz an. Etwa deshalb, dass nur Kaschmiris Land in Kaschmir kaufen durften.