Angst vor Hindunationalismus

Genau diese Regelung ist gefallen. Die moslemischen Kaschmiris fürchten nun, dass Indien Kaschmir hinduisiert, wie China Tibet durch die Ansiedelung von Chinesen sinisiert hat. Genährt werden diese Ängste dadurch, dass Politiker der regierenden BJP öffentlich von einem hinduistischen Großreich träumen. "Einer der Gründe, warum Indien diesen Schritt in Kaschmir unternommen hat, ist, dass es die Demographie ändern will", sagt auch der pakistanische Botschafter in Österreich, Mansoor Ahmad Khan, zur "Wiener Zeitung".

Stimmt nicht, erwidern indische Diplomaten. Und spricht man mit ihnen, argumentieren sie, dass die Autonomie Kaschmir viel Schaden gebracht hätte. Sie habe verhindert, dass sich große Industrien in Kaschmir ansiedeln, weshalb die Region nicht am indischen Aufstieg der vergangenen Jahre habe teilhaben können. Nicht nur das: Auch Rechte für Frauen und Minderheiten konnten wegen der Sonderregeln für Kaschmir nicht wie im restlichen Indien umgesetzt werden. Das soll sich aber ändern. Die Regierung verspricht den Kaschmiris einen Aufschwung, wie sie ihn noch nicht erlebt haben.

Eine Frage stellen derzeit aber auch in Indien viele kritische Geister: Wenn die Kaschmiris so eine blühende Zukunft erwartet, warum sperrt Indien sie dann in der Gegenwart ein? Die Regierung hat Ausgangssperren verhängt, zusätzliche Soldaten in die Region entsandt, tausende Menschen verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Darunter befanden sich selbst moderate Politiker. "Das Kaschmir, das sich für ein säkular-demokratisches Indien entschieden hat, ist nun mit einer Unterdrückung unglaublichen Ausmaßes konfrontiert", twitterte die frühere Regierungschefin Kaschmirs Mehbooba Mufti, bevor ihr wie den anderen Kaschmiris das Internet abgedreht wurde.

Angst vor Anschlägen

Indien verteidigt sein Vorgehen als "präventive Maßnahmen", um zu verhindern, dass es wie in der Vergangenheit zu Anschlägen kommt. Die Sicherheitsvorkehrungen würden nach und nach gelockert werden. Indien beschuldigt regelmäßig Pakistan, terroristische Gruppen für seine politischen Ziele zu unterstützen.

"Indien hat immer wieder auf die Karte des Terrorismusvorwurfs gegen Pakistan gesetzt, um von den grundlegenden Problemen in Kaschmir abzulenken", erwidert Botschafter Khan. "Friedliche Proteste werden verhindert. Der einzige Terrorismus ist der des indischen Staates."

Und so werden sich auch in Zukunft Indien und Pakistan mit Vorwürfen überhäufen. Die internationale Gemeinschaft scheint das Thema eher umgehen zu wollen, Kaschmir wird bei der Generalversammlung nach derzeitigem Stand wohl konsequenzenlos debattiert werden. Dabei könnte der brisante Konflikt noch weite, gefährliche Kreise ziehen. Mit Indien und Pakistan stehen einander zwei Atommächte gegenüber, und der Kaschmir-Konflikt spielt sich in einer verwundbaren Region ab, in der der oft auch gewalttätige Hindunationalismus immer mehr erstarkt und der islamistische Extremismus bereits eine Blutspur gelegt hat.