Kabul. Inmitten zunehmender Gewalt durch die radikal-islamischen Taliban wählen die Afghanen einen neuen Präsidenten. Nur wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale gab es bereits mehrere Explosionen. Nach Behördenangaben wurden am Samstag Vorfälle aus Kabul, Dschalalabad, Ghani und Kandahar gemeldet. Als aussichtsreichster Kandidat neben Amtsinhaber Aschraf Ghani gilt dessen Regierungschef und langjähriger Rivale Abdullah Abdullah.

Die Taliban hatten die Bevölkerung aufgerufen, die Wahl zu boykottieren. Die Extremisten kontrollieren inzwischen mehr Territorium als zu irgendeinem Zeitpunkt seit ihrem Sturz durch die USA im Jahr 2001. Eine Einigung zwischen den USA und den Taliban, die in ein Friedensabkommen zwischen der Regierung in Kabul und den Islamisten hätte münden können, war kürzlich nach langen Verhandlungen gescheitert. Seitdem steigt die Gewalt in dem Land wieder.

In Kandahar gab es 14 Verletzte, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. In der im Norden des Landes gelegenen Provinz Farjab lieferten sich afghanische Soldaten und Taliban Kämpfe. Da die Einwohner deshalb ihre Häuser nicht verlassen konnten, blieben sie auch den Wahlen fern. Die Taliban teilten mit, dass ihre Kämpfer Wahllokale in der Provinz Laghman angegriffen hätten. In Dschalalabad wurde die Stimmabgabe nach Behördenangaben durch vier Explosionen unterbrochen.

Mehr als 100.000 Sicherheitskräfte im Einsatz

Für die Wahl haben sich trotz der Drohungen der Taliban 9,7 Millionen der schätzungsweise 34 Millionen Afghanen registrieren lassen. Mehr als 100.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz. Gut 400 Wahllokale öffneten wegen der Drohung der Taliban nicht. Aus Sicherheitsbedenken dürften auch mehrere Hundert weitere Wahllokale in Schulen und Moscheen geschlossen werden.

Ein Vertreter aus dem Verteidigungsministerium erklärte, trotz vereinzelter Vorfälle liefe die Wahl gut. Die wahlberechtigten Afghanen ließen sich von den Drohungen der Taliban nicht abbringen, ihre Stimme abzugeben. Auf Bildern in Medien waren teils lange Schlangen vor Wahllokalen zu sehen. Eine Ärztin in Kabul zeigte sich fest entschlossen, zu wählen, auch wenn sie dafür Stunden anstehen müsse. "Tapferkeit zeigt sich, wenn jemand den Mut aufbringt, in Afghanistan zu wählen."

Die beiden aussichtsreichsten der insgesamt 14 Kandidaten wählten an unterschiedlichen Schulen in der Hauptstadt Kabul. Er setze darauf, dass die Wahl sein Land voranbringe, sagte Amtsinhaber Ghani. Der 70-jährige und der 59-jährige Abdullah teilen sich seit der von Manipulationsvorwürfen überschatteten Wahl 2014 gezwungenermaßen die Macht, sind sich aber eher in gegenseitiger Missgunst verbunden. Aufgrund des komplizierten Auszählverfahrens in Afghanistan ist nicht vor dem 7. November mit einem endgültigen Endergebnis zu rechnen.