Wenn Hatice Cengiz aufwacht, gilt ihr erster Blick ihrem Telefon. Ihr Verlobter, der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi, könnte anrufen, sei ihr erster Gedanke, sagt sie. So wie er es jeden Morgen gemacht hatte, als er noch am Leben gewesen war. Ein Jahr ist es nun her, dass Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Cengiz wartete am 2. Oktober 2018 vor dem Konsulat auf Khashoggi, wo er Dokumente für die Hochzeit abholen wollte. Doch er kam nicht mehr heraus.

Was genau im Konsulat in der türkischen Metropole passierte, ist im juristischen Sinne ungeklärt. Sicher ist: Ein saudisches Tötungskommando hat ihn umgebracht. Die Regierung in Riad räumte den Tod nach großem internationalen Druck ein.

Khashoggi sei zwar regierungskritisch gewesen, aber persönlich gar keine große Bedrohung für Saudi-Arabien, sagt Cengiz. "Seit er getötet wurde, ist er ein viel größeres Symbol." Egal wohin Repräsentanten des saudischen Königshauses gingen, sie müssten sich der Frage nach Khashoggi stellen.

"Glaubwürdige Beweise"

Das gilt insbesondere für Mohammed bin Salman. Der saudische Kronprinz soll den Mord in Auftrag gegeben haben. Die UN-Sonderberichterstatterin Agnes Callamard sieht "glaubwürdige Beweise" dafür, dass der Kronprinz hinter der Tat steckte und versucht hat, die Spuren zu verwischen. Auch der US-Geheimdienst CIA kam Medienberichten zufolge zu dem Schluss, dass bin Salman die Anordnung gegeben hatte. Der Thronfolger übernahm vor kurzem in einem Interview mit dem US-Sender CBS die "volle Verantwortung" für den Mord, bestritt aber, die Tötung angeordnet zu haben.

Vor der Tat wurde der 34-jährige bin Salman von Staatsführern und Unternehmern als mutiger Reformer gefeiert, der Gesellschaft und Wirtschaft des ultrakonservativen islamischen Königreichs öffnete. Nach der Ermordung Khashoggis rückte nicht nur die die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien in den Fokus. Der US-Kongress, der der aggressiven Außenpolitik des Landes kritisch gegenübersteht, hat zum Unmut von US-Präsident Donald Trump Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien ausgesetzt. Deutschland hat seine Rüstungsexporte wegen des Khashoggi-Mords und Riads brutaler Militärintervention im Jemen auf Eis gelegt.

Doch beim Stopp der Rüstungsexporte ist es der Regierung in Berlin nicht gelungen, wichtige Partner mit an Bord zu holen. Frankreich und Großbritannien wollen das Rüstungsgeschäft trotz des Jemen-Krieges und der Menschenrechtsverstöße in Saudi-Arabien fortsetzen. Der Botschafter Saudi-Arabiens in Deutschland, Prinz Faisal bin Farhan bin Abdullah Al-Saud, kommentierte den Exportstopp der Bundesrepublik lapidar mit den Worten: "Wir können leicht andere Quellen finden."