Tel Aviv/Jerusalem. Die Anhörung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu durch den Generalstaatsanwalt wegen Korruptionsvorwürfen hat am Mittwoch begonnen. Das bestätigte dessen Büro. Netanyahu wurde dabei durch seine Anwälte vertreten und erschien nicht selbst.

Dem Regierungschef werden Bestechlichkeit sowie Betrug und Untreue vorgeworfen. Es geht in den drei Fällen um den Verdacht der Beeinflussung von Medien und um teure Geschenke befreundeter Milliardäre. Die Anhörung soll nach Angaben des Justizministeriums vier Tage dauern und am Montag enden. Danach will der Generalstaatsanwalt bis Ende des Jahres über eine Anklage des Regierungschefs entscheiden.

Rechtlich gesehen müsste Netanyahu nach Angaben des Israelischen Demokratie-Institutes (IDI) bei einer Anklage als Regierungschef nicht zurücktreten. Sollte er wegen Bestechlichkeit verurteilt werden, drohen ihm nach Angaben des Rechtsprofessors Gad Barzilai von der Universität Haifa allerdings bis zu zehn Jahre Haft. Im Falle einer Verurteilung wegen Untreue wäre die Höchststrafe drei Jahre Gefängnis.

Netanyahu hat alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der Regierungschef spricht von einer "Hexenjagd" auf ihn und seine Familie. Bereits in der Vergangenheit gab es Korruptionsverdachtsfälle gegen ihn, aber nie stand Netanyahu vor Gericht.

33 Mandate für Gantz

Bei der Parlamentswahl vor zwei Wochen war das Mitte-Bündnis Blau-Weiß von Gantz mit 33 Mandaten stärkste Kraft geworden. Netanjahus rechtskonservativer Likud kam nur auf 32 Mandate. Präsident Reuven Rivlin gab vergangene Woche allerdings Netanjahu den Auftrag zur Regierungsbildung, weil dieser 55 Empfehlungen von Abgeordneten für das Amt des Ministerpräsidenten hatte - Gantz dagegen nur 54. Weder das rechts-religiöse noch das Mitte-Links-Lager hat eine Mehrheit zur Regierungsbildung.

Blau-Weiß teilte mit, dass ein neues Treffen der Unterhändler in dieser Woche oder in der nächsten angesetzt werden könne, wenn dies als "angemessen und notwendig" erachtet werde. "Unter diesen Umständen gibt es aktuell natürlich keinen Grund für ein Treffen zwischen den Vorsitzenden der beiden Parteien."

Netanjahu hat zunächst bis zum 23. Oktober Zeit, eine Regierung zu bilden. Seine Chancen wurden allerdings von Anfang an als gering eingeschätzt. Gantz hatte vergangene Woche erneut betont, seine Partei werde nicht in einer Regierung sitzen, "deren Vorsitzender sich einer schwerwiegenden Anklage stellen muss".