Bleibt die Frage: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Bei der Antwort darauf fällt heute bei nahezu allen Gesprächen mit Experten zum Thema derselbe Name: Thomas Hofeller. Der im August 2018 verstorbene Politikberater, ein Absolvent der konservativen Kaderschmiede Claremont McKenna, arbeitete schon in den Siebzigern an einem sogenannten "Mapping System", das die damals noch in Kalifornien dominierenden Republikaner vor bösen Überraschungen an Wahltagen bewahren sollte.

Unter Präsident Ronald Reagan verschrieb sich Hofeller in den Achtzigern mit Leib und Seele dem Ziel, den Sinn des Voting Rights Act von 1965 quasi auf den Kopf zu stellen, indem er in den Bundesstaaten des tiefen Südens die Wahlbezirke so umzeichnen ließ, dass die Stimmen der Afroamerikaner zwar nicht formal, aber im Verhältnis weit weniger wert waren als die der Weißen. Ende der Nullerjahre hatte Hofeller - der zeit seines Lebens extrem diskret auftrat, seine kaum zu überschätzende Rolle wurde erst nach seinem Tod bekannt - dank des technischen Fortschritts seine Arbeit derart verfeinert, dass er seinen Parteifreunden zuletzt quasi bis auf die Gasse genau sagen konnte, wo ihre Wähler wohnten; aber vor allem, wo jene ethnischen Minderheiten zu Hause waren, die die Konservativen marginalisieren müssen, weil eben Afroamerikaner und Latinos eher dazu neigen, die Demokraten zu wählen. Heute mag Hofeller über ein Jahr tot sein, aber sein Erbe erfreut sich bester Gesundheit.

Wie weit die Schere zwischen Wählerwille und Zusammensetzung der Lokal-Legislativen in den USA mittlerweile auseinandergeht, zeigen zwei extreme Beispiele, die beide ebenfalls auf Hofellers Mist gewachsen sind: Wisconsin und North Carolina. In Wisconsin gaben 2018 den Republikanern lediglich 44,7 Prozent der Bürger ihre Stimmen. Was nichts daran änderte, dass die Konservativen dank der nach ihrem Willen umgezeichneten Wahlkreise eine Mehrheit im Unterhaus des Bundesstaatsparlaments von sage und schreibe 64,6 Prozent der Sitze erlangten. Was North Carolina angeht, ist ebenfalls längst Hopfen und Malz verloren. Wie das von der Universität Harvard und der Universität Sydney Anfang des Jahrzehnts ins Leben gerufene Electoral Integrity Project, das seit seiner Gründung mehr als 200 Wahlgänge in über 150 Ländern analysiert hat, bereits 2016 feststellte, steht der Bundesstaat demokratiepolitisch auf einer Stufe mit Kuba, dem Iran und Venezuela. Zwar hat North Carolina mit seinen mehr als zehn Millionen Einwohnern seit 2017 mit Roy Cooper ebenso wie Wisconsin (5,8 Millionen Einwohner) mit Tony Evers seit diesem Jahr einen Demokraten zum Gouverneur, aber de facto sind beide dank der fortdauernden konservativen Machinationen und Total-Obstruktion bis heute nur bedingt regierungsfähig.

Auch die Gerichte erklären sich für nicht zuständig

Mangels Alternativen bleibt den Kämpfern gegen diesen Neo-Autoritarismus in der Regel so nur der Gang zum Gericht, wo sie nicht selten eine böse Überraschung erleben. Wie erfolgreich und perfid die Republikaner die Justiz mittlerweile politisiert und zu ihrem Vorteil instrumentalisiert haben, zeigte sich jüngst am Beispiel Wisconsin wieder einmal besonders drastisch. Die Klage gegen die dortige Umzeichnung der Wahlkreise zu ihren Gunsten ging bis zum Obersten Gerichtshof. Nachdem auf dessen Bank dank Donald Trump und Senatsführer McConnell, die zuerst Neil Gorsuch und dann den nicht minder erzkonservativen Bret Kavanaugh als Kandidaten durchbrachten, jetzt eine klare rechte Mehrheit sitzt, erklärte sich der Supreme Court selbst und alle anderen Bundesgerichte für Gerrymandering-Fragen als "nonjusticiable", sprich als nicht zuständig.

Der Nebeneffekt, zweifelsfrei im Sinne der Erfinder: Nachdem jeder Bundesstaat seinen eigenen Obersten Gerichtshof hat, delegiert dieses Urteil de facto die Entscheidung über die Frage, inwieweit eine Minderheit eine Mehrheit dominieren darf, künftig an zahlreiche jener Richter, die ihren Job oft genau dieser Praxis zu verdanken haben. Amerikanische Demokratie nennt man das wohl.