Die Türkei treibt ihre Militäroffensive gegen die Kurden-Miliz YPG im Nordosten Syriens den dritten Tag in Folge voran. Kampfjets und Artilleriegeschütze nahmen auch am Freitag YPG-Stellungen unter Beschuss. Bei neuen Kämpfen in der Nacht seien 49 feindliche Kämpfer getötet worden, seit Beginn der Offensive am Mittwoch sei die Zahl damit auf 277 gestiegen, teilte das türkische Verteidigungsministerium mit. Auf türkischer Seite sei ein Soldat ums Leben gekommen. Die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte sprach von mindestens 29 Toten aufseiten des von der YPG angeführten Rebellenbündnisses SDF und von 17 Toten aufseiten der mit der Türkei verbündeten Rebellen.

Im Mittelpunkt der Angriffe standen die Grenzstädte Ras al Ain, von wo ein Reuters-Reporter auch von Gewehrschüssen in der Stadt berichtete, und Tel Abjad. Laut dem UN-Weltenernährungsprogramm sind dort inzwischen mehr als 70.000 Menschen geflohen. Beide Städte sollen eingekesselt sein. Auch an anderen Orten in dem Grenzgebiet setzten türkische Truppen ihre Angriffe fort. Sie werden dabei von anderen syrischen Rebellen unterstützt, die mit dem YPG-Bündnis rivalisieren. Bei den türkischen Angriffen sollen laut YPG-Angaben auch neun Zivilisten getötet worden sein. Bei einem vermutlichen Vergeltungsangriff kurdischer Truppen waren am Donnerstag sechs Menschen in einer türkischen Grenzstadt getötet worden, darunter ein neun Monate altes Baby.

Die syrische Grenzstadt Tel Abyad wurde angegriffen. - © APAweb / Reuters
Die syrische Grenzstadt Tel Abyad wurde angegriffen. - © APAweb / Reuters

70.000 Menschen auf der Flucht

Nach Angaben humanitärer UN-Organisationen wurden innerhalb von 48 Stunden nach Beginn der türkischen Invasion mehr als 70.000 Menschen vertrieben. Die meisten Menschen seien aus den Regionen Ras al-Ain und Tall Abjad geflüchtet, berichtete das UN-Welternährungsprogramm (WFP) am Freitag in Genf.

Das UN-Menschenrechtsbüro berichtete über "verstörende Berichte" von Bodenangriffen türkischer Truppen oder von Gruppen, die dem türkischen Militär nahestünden. Es seien unter anderem die Wasserversorgung, Dämme, Kraftwerke und Ölfelder getroffen worden, sagte ein Sprecher. Nach einem türkischen Luftangriff sei nach Berichten die Wasserversorgung in der Region Aluk zusammengebrochen. In Al-Raqqa hätten die lokalen Behörden vier Zentren für Vertriebene eingerichtet, berichtete das WFP.

"Die Militäroperationen in Nordostsyrien dürften die bereits sehr angespannte humanitäre Situation noch verschärfen", warnte Najat Rochdi, im Büro des UN-Syrien-Beauftragten zuständig für humanitäre Fragen. Alle appellierten an die Akteure vor Ort und Regierungen, die Einfluss auf sie haben, Zivilisten zu schützen.